Gedichte Von hier zu dir Thomas Koppe

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Meine ersten Gedichte fasste ich - als kleine Liebesgeschichte - im Gedichtebändchen “Von hier, zu Dir” zusammen. Viel Spass wünsche ich beim lesen.
 
Thomas Koppe

Von hier, zu Dir

    Die alte Haustür fällt krachend in ihr Schloss. Laut knarren die hölzernen Stufen der Treppe unter deinen hastigen Schritten. Ein Schlüsselbund klingelt rhythmisch und hell dazu und mit jeder Stufe, die du höher und höher steigst, pumpt mein Herz das Blut schneller und schneller durch meinen Körper.
    Noch ein Stockwerk und schon bist du auf unserer Etage angekommen. Eine Tür öffnet sich und im nächsten Moment ist es wieder ganz still. Du bist zu Hause, wieder in deiner Wohnung. Sie liegt meiner gegenüber.
    Von hier, zu DirThomas Koppe, Von hier, zu Dir, Gedichte
     
    Von hier, zu dir ist’s doch so weit
    und felsig ist der Weg.
    Von hier, zu dir liegt so viel Zeit,
    die einfach nicht vergeht.
     
    Von hier, zu dir da tobt ein Fluss,
    zieht alles auf den Grund.
    Von hier, zu dir spuckt ein Vulkan,
    sein Feuer aus dem Schlund.
     
    Von hier, zu dir da liegt ein Tal,
    gefüllt mit Schmach und Pein.
    Von hier, zu Dir schleicht es herum,
    ein Wort und das heißt „NEIN“.
    Wer setzt sein Leben schon aufs Spiel,
    für Liebe, für das Herz?
    Wer bringt sich gerne in Gefahr
    und ignoriert den Schmerz?
     
    Wer ist so tollkühn, heldenhaft
    und schlägt die Angst mit Mut?
    Wer überwindet seine Furcht
    und opfert noch sein Blut?
     
    Ja ich! Ich wünsch’ mir so oft Kraft
    und geh’ der Schritte vier,
    durchs Treppenhaus und klingle dann.
    S’ist weit, von hier, zu Dir.
     
     
    Es ist ein Sonntag wie jeder andere. Du kommst aus der Nachtschicht, eilst die Treppe hinauf, während ich bereits bei einer Tasse Kaffee sitze und schon auf dich warte. Ich lausche deinen Schritten, zähle sie leise mit und manchmal höre ich sogar deinen Atem.
    Über dich weiß ich leider nicht allzu viel. Erst vor ein paar Wochen zogst du hier, ohne großes Aufsehen, ein. Aber wenigstens kenne ich deinen Namen.
    An manchen Tagen laufe ich morgens die Treppen solange herunter und wieder hinauf, bis dein Auto im Hinterhof hält. Schnell versuche ich dann meine Frisur in Form zu bringen, setzte mein schönstes Lächeln auf und fliege dir entgegen.
    Unvorbereitet und völlig überfordert, mit einem Gefühl im Bauch, welches ich nur aus lange zurückliegenden Mathematikklausuren kenne, begegne ich dir auf deinem Weg und bekomme, so wie jeden Sonntag, keinen einzigen Ton heraus.
    Wie immer täusche ich gekonnt eine Hustenattacke vor, ringe filmreif um Luft und laufe rot an. Mit einem gequälten Lächeln, das wohl eher an Zitroneneis mit Sauerampfer erinnert, haste ich total verstört und enttäuscht aus dem Haus.
    Hier atme ich im Hinterhof die kühle Luft ein und ärgere mich, wie schon so oft, über meine jämmerliche Feigheit. In einziger Hoffnung und stetem Glauben, dass du meine Unsicherheit nicht bemerkt hast, lasse ich mich ein wenig von meiner Umwelt ablenken.
     
     
    Viertel acht
     
    Die Müllabfuhr, sie ist noch nicht gefahren
    Nun ist es sieben durch, was ist geschehen
    Das erste Mal, ich weiß nicht, schon seit Jahren
    Mein Nachbar, der hat auch noch nichts erfahren
    Und weit und breit kein Müllfahrzeug zu sehen
     
    Im Fernsehen, da wird noch nichts berichtet
    So lang’ ich denken kann gab’s das noch nie
    Kein Amtmann hat bisher aufs Amt verzichtet
    Doch Müllberge die liegen aufgeschichtet
    Das Ende ist gekommen - Anarchie
     
    Im Radio wird noch alles totgeschwiegen
    Mein Nachbar weiß, die Lage ist prekär
    Schon schwirren über vollen Tonnen Fliegen
    Die Nachbarin sie protestiert entschieden
    Der Wind treibt gelbe Säcke vor sich her
     
    Aus Fenstern spähen sorgenvoll Gesichter
    Und schon formiert sich hier die Bürgerwacht
    Das Urteil ist gesprochen, ohne Richter
    Doch da, im fernen leuchten schon zwei Lichter
    Na Gott sei Dank! Die Uhr schlägt viertel acht
     
     
    Ein Thema, über das man sich gemeinschaftlich aufregen kann, findet sich hier, auf dem morgendlichen Pflaster, vor den Mietshäusern doch immer. Und wenn in unserer Straße nichts passiert ist, dann wird sich eben der Themen von außerhalb bemächtigt.
    Die bringt dann stets der freundliche Herr von der Post. Der ist allzeit auf dem Laufenden und sehr zuverlässig, wenn es darum geht, eine Botschaft von einem Teil des Ortes zum anderen zu transportieren.
    Ich stelle ihn mir gerne als eine Art Schwamm vor. All das, was er hört und sieht, saugt er begierig in sich ein. Er saugt und saugt und wird an jeder Tür und an jedem Fenster, an dem er entlang kommt, immer aufgedunsener und fetter. So fett, dass er fast schon platzt und man muss nicht sehr stark drücken, damit er seine neuesten Erkenntnisse wieder preisgibt. Nein, im Gegenteil. Hier und dort tropfen diese in Form von Gerüchten und Neuigkeiten einfach so aus ihm heraus.
    Manchmal hat er sogar Zeitungen und Briefe dabei. Mir schreiben allerdings nicht viele Leute. Außer Angestellte in Ämtern, Kanzleien, Mahnbüros und Werbeagenturen scheint niemand großartig Interesse an mir zu haben.
     
     
    Der Brief
     
    Es ist noch sehr bald in der Frühe,
    ein Postauto hält vor dem Haus.
    Der Briefträger steigt mit viel Mühe
    und einem Brief in der Hand aus.
     
    Ein Brief? Was könnt' in ihm stehen?
    Neugierig? Ich bin es nicht!
    Doch würd' ich schon gern' hinein sehen
    und brächt' das Geheimnis ans Licht.

    Beherbergt er Worte der Liebe?
    "Adonis, erinn're Dich mein!
    Die Jugend, die Zeit erster Triebe,
    komm, lasse sie wiederum sein!"

    Finden sich in jenem Briefe,
    die herrlichsten Lobesgesänge?
    "Ihr Werk, welch' Glanz und die Tiefe,
    gelungen, in ganzer Länge."
     
    Steht in den Zeilen geschrieben:
    "Der Erbe sind Sie nur allein'...
    plötzlich in Reichtum verschieden...
    es sei denn, Sie sagen nein."
     
    Trägt er vom Freunde die Nachricht:
    "Die Fete steigt heute um acht...
    es besteht Alkoholpflicht...
    Begleitung ist nicht angebracht!"
      
    Wird in ihm schweifend berichtet:
    "Die Jury tat sich gar nicht leicht...
    man habe nun alles gesichtet...
    Glückwunsch, Sie haben's erreicht."

    Schickt hier die Lottogesellschaft,
    so klingende Kunde auf Reisen?
    "Sie brauchen jetzt wirklich viel Kraft...
    Wohin dürfen wir überweisen?"
     
    Das Postauto ist längst gefahren.
    Ein Brief liegt geöffnet im Schrank.
    Ich muss wohl ein wenig mehr sparen.
    Herr Postbote, na vielen Dank.
     
     
    2
     
     
    Im Erdgeschoss wohnt Oma Ursel. Ihre größte Leidenschaft ist es, aus dem geöffneten Fenster auf die Straße zu blicken. Da sie, wie sie immer sagt, sehr schlecht zu Fuß ist, kaum stehen, geschweige Treppen steigen kann, tut sie dies den ganzen Tag.
    Vor einiger Zeit, ich kam mitten in der Nacht nach Hause, lief ich gedankenversunken an ihrem Fenster vorbei. Plötzlich, in der Stille der Nacht, hörte ich, während mir der Geruch von Melissengeist ins Gesicht schlug, eine grauenhafte, sich überschlagende Stimme sagen: „Na, schon ganz schön spät, was?!“ Dem Herzinfarkt nahe, schaute ich in die funkelnden Brillengläser von Oma Ursel und bekam keinen Laut mehr heraus. Schon bei dem bloßen Gedanken an dieses Ereignis, stellen sich mir heute die Nackenhaare auf und eine Gänsehaut überzieht meinen Körper. Mit großer Sicherheit hat meine Psyche in dieser Nacht einen Knacks bekommen und ich habe mir geschworen, dies Oma Ursel irgendwann einmal heimzuzahlen.
    Damit sie auch noch in die verborgensten Winkel schauen kann, hat sie sich einen Fahrradspiegel an das Außenfenster schrauben lassen. Nun kann sie sogar spionieren, ohne dabei selbst gesehen zu werden. Somit steigt das Herzinfarktrisiko an ihrem Fenster nun auch am Tage.
    Dank ihr, hat unsere Straße auch ihren Namen weg. Sie heißt allgemein „Glotzgasse“. Wenn hier eine Straftat begangen würde, einen Zeugen gäbe es wohl immer.
    Oma Ursel kennt so ziemlich jeden, zumindest vom Sehen. Sie schaut in jedes vorbeikommende Auto, in jeden Kinderwagen, in jedes Gesicht. Sie hat wohl schon alles erlebt und kann wunderbare Geschichten erzählen, die so alt sind wie das Leben.
    Leider erzählt sie meistens nur ein und dieselbe. Dann fast sie stets erst in ihre Kittelschürze, holt ein Tüchlein heraus, in dem sie irgendetwas aufzubewahren scheint, hält es ganz fest in ihrer Hand und berichtet von Erwin, ihrer einzigen Liebe.
     
     
    Manchmal nur, doch immer wieder
     
    Manchmal nur, doch immer wieder,      
    denke ich an dich.
    Lang’ ist es her, ein wenig Wehmut,
    ein kleiner Schmerz, ein Stich.
     
    Manchmal nur, doch immer wieder,
    redest du zu mir.
    Du musst es sein! Erkenn’ die Stimme.
    Doch bist du niemals hier.
     
    Manchmal nur, doch immer wieder,
    seh’ ich dein Gesicht.
    Ganz kurz! Dort drüben an der Ampel.
    Nein. Warst es sicher nicht.
     
    Manchmal nur, doch immer wieder,
    denke ich an dich.
    Wo kannst du sein? Wer bist du heut’?
    Denkst du manchmal an mich?
     
     
    3
     
     
    Immer wenn deine Waschmaschine läuft, gerät das ganze Haus in Vibrationen. Die alten Mauern, Böden und Decken übertragen jede Rotation der Trommel und die Bilder an den Wänden, die Teller, Tassen und Gläser in den Schränken und auf dem Tisch, beginnen mehr und mehr ihr Eigenleben zu entwickeln.
    Ein Rütteln und Schütteln überkommt das alte Haus und gespenstig fängt das Zimmerlicht an zu flackern. Spätestens beim Schleudergang nehme ich dann vorsichtshalber mein Glas, in dem sich ein Tsunami nach dem anderen am Rande bricht, vom Tisch und schalte alle elektronischen Geräte aus.
    Wie jedes Mal lege ich mich auf meine Couch, genieße eine kostenlose Ganzkörpermassage und fühle mich unendlich geborgen. Zwischen uns liegt doch nur eine Wand.
     
     
    Mein Glück
     
    In den Abendstunden,
    hab’ ich unverhofft,
    noch mein Glück gefunden.
    Unverhofft kommt oft!
     
    Wein, der lieblich rote,
    stimmt mich doch so froh,
    herzhaft Käsebrote,
    Tabak ebenso.
     
    Musik, die wunderbare,
    flackernd’ Kerzenschein,
    doch das Glück, das wahre -
    Ich bin nicht allein.
     
     
    Ein paar Minuten werde ich noch ausgehen. Im Fernsehen läuft ja doch nichts und so schlendere ich langsam die Stufen im Treppenhaus hinab, bleibe an dem ersten Fenster stehen und betrachte wohlwollend mein Spiegelbild im Fensterglas. 
    Gutes Profil, zwar die Nase etwas verbogen, aber einen markanten Anhaltspunkt braucht es schon. Junge, aufstrebende und dynamische Haltung und sehr, sehr gute Körpersprache. Du müsstest doch eigentlich auf mich stehen. Noch einmal puste ich mir die Haare aus der Stirn und kremple mir die Ärmel hoch.
    Nun reicht man mir eine Luftgitarre zu, ich halte sie professionell in meinen Händen und schlage die ersten Akkorde an. Oh ja, dass sieht sehr gut aus und ich lächle überzeugt mein Gegenüber an! Als Popstar gäbe ich doch ein gutes Bild ab. Als ich zu einigen meiner Lieblingssongs alles gebe und aufpassen muss, nicht mit meiner Stirn vor die Fensterscheibe zu knallen, schlägt in meinem Rücken plötzlich eine Tür zu und ein Kichern ist zu hören.
    Das war deine Wohnungstür. Hast du mich gesehen? Das darf doch nicht wahr sein! Nein! Oh nein.
     
     
    Möcht' noch
     
    In meinem Leben möchte ich
    noch tausend Fahnen hissen
    Auf die ich schreib: Mir geht es gut!
    Doch auch: Mir geht's beschissen!
     
    Ich will noch kampflos untergehen!
    Kämpfend wieder siegen!
    Möcht' unter manche Normen fallend
    über meinen liegen
     
    Will auf der Überholspur noch
    den Blinker mutig setzen
    Und still vom Seitenstreifen schaun
    wie andre vorbei hetzen
     
    Ich werd' in meinem Leben stets
    Gefühle leben lassen
    Fiebrig soll die Liebe sein
    und fiebrig möcht' ich hassen
     
    Ich möcht' nach einer guten Tat
    auch Dank entgegen nehmen
    Und nach mancher Peinlichkeit
    mich hin zum Tode sehnen
     
    Ich will den Mut zum Freunde
    und die Angst zum Kumpel haben
    Noch viele heiße Abenteuer
    mit den beiden wagen
     
    In meinem Leben möchte ich
    noch tausend Fahnen hissen
    Auf die ich schreib: Was ist es nun?
    Und auch: Ich will es wissen!
     
    In meinem Leben werde ich noch tausend Brücken schlagen.
    Von hier, zu Dir und in die ganze Welt.
    Will sorgsam darauf achten, dass sie für immer tragen.
    Und niemand diese Wege mehr verstellt.
     
     
    Im Hinterhof angekommen, empfängt mich ein kalter Wind. Verlegen und eingeschüchtert schaue ich hinauf zu unserer Etage. Das war’s dann wohl, denke ich mir, während ich mich hinter einem alten Vogelbeerstrauch verstecke. Eine halbe Minute später trittst du zur Tür hinaus. Aus meinem Versteck erblicke ich dich. Du bist wunderschön. Ich sehe deine leuchtenden Augen, deine süße Nase und deinen Mund, in dem sich ein breites Grinsen festgebissen zu haben scheint.
    Als du in dein Auto steigst und vom Hof fährst, raffe ich mich auf und trotte zur Straße.
    Die Sonne hängt tief und teilnahmslos hinter den Dächern der Häuser und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mich mit einem mitleidigen Lächeln mustert.
    Wütend zerre ich die immer noch vollen Mülltonnen in den Hinterhof, während Oma Ursel mir dabei wohlwollend zuschaut.
     
     
    Februar
     
    Ein Tag, kein bestimmter, im Februar.
    Ein Tag, schüchtern und blass.
    Der Wind singt sein Lied,
    schiebt die Wolken gemach.
    Sie hängen, verwaschen und nass.
     
    Kirschbäume stehen recht traurig und kahl.
    Ein Scherenschnitt vorm Horizont.
    Das Vogelhäuschen
    weit oben am Pfahl,
    verwaist ist es, unbewohnt.
     
    Der Teich, er spiegelt so müde das Licht.
    Sein Atem fliegt eisig zu mir.
    Ein fröhliches Plätschern
    höre ich nicht.
    Nur einsam, fühl ich mich hier.
     
    Elstern zanken dort, fliegen umher.
    Ein Kätzchen schleicht sanft durchs Gestrüpp.
    Zart reckt sich dort eine Blüte,
    noch schwer.
    Ach Leben, ach endlich, welch Glück.
     
     
    4
     
     
    Henne wohnt in der Wohnung unter mir. In unserer Gegend ist er allgemein als Säufer verschrien. Sein Lebensrhythmus ist recht einfach zu beschreiben. Gegen Mittag steht er auf und verlässt die Wohnung. Tagsüber sieht man ihn dann am Kiosk um die Ecke auf einer Bank sitzen und irgendwann am Abend findet er wieder nach Hause. Ab und zu helfe ich ihm die Treppen hinauf.
    Auch wenn ihn hier viele für einen Tunichtgut halten, mit dem Leben kennt er sich aus.
     
     
    Leben ist
     
    Leben - das ist wie Bahn fahren.
    Ein Rausch der Geschwindigkeit, doch,
    hält der Zug in mancher Weltstadt
    und oft auch im dunkelsten Loch.
     
    Leben - das ist wie Rummel.
    Bunt und süß und grell.
    Ein drehen und kreisen und wirbeln.
    Mal langsam, doch meist richtig schnell.
     
    Leben - das ist wie ein Klogang.
    Mal plätschert es müd' vor sich hin.
    Im nächsten Moment kommt's ganz dicke,
    dann fließt's wieder träge und dünn.
     
    Leben - das ist wie Einkaufen.
    Man wird davon nie wirklich satt!
    Und findet doch stets etwas Schönes.
    Wer sagt, dass man alles schon hat?
     
    Leben - das ist wie ein Bankraub.
    Gefährlich, verlockend zugleich.
    Ein ewiges Spiel um den Einsatz.
    Dein Risiko, arm oder reich.
     
    Leben - das ist wie ein Märchen.
    Alles kann darin geschehen.
    Und muss leider auch über jedem,
    am Ende „Es war einmal" stehen.
     
     
    Hinterm Haus liegen die Gärten. Henne hat mir seinen Teil abgetreten. Er braucht ihn nicht, ich könne ihn gerne nutzen, hat er gesagt. Hier sitze ich sehr oft und schreibe kleine Geschichten. Ich weiß nicht, ob sie jemals ein Mensch außer mir lesen wird. Und wenn doch, werde ich davon wohl auch nicht reich. Aber was bedeutet schon Reichtum. Ich will doch nur dich!
     
     
    Brotlose Kunst
     
    Da bist du ja wieder,
    du treue Gefährtin,
    fast hätt’ ich mir Sorgen gemacht.
     
    Geträumt von Erfolg, von Geld,
    hast du mich,
    zurück auf den Boden gebracht.
     
    Du sagst, dass ich ohne dich
    besser da stände,
    doch hoch liegst du in meiner Gunst.
    Denn folgt nicht der Ruhm,
    der glückliche Durchbruch,
    bleibst du mir doch - Brotlose Kunst.
     
    Du schmeichelst mir gerne
    und schenkst mir Applaus.
    Du hörst mir oft stundenlang zu.
    Und fühlst du dich glücklich,
    auch in meiner Nähe;
    so lasse mich nie mehr in Ruh’.
     
     
    Die Rabatten, Wege und Hecken sind völlig verwildert. Überall rankt und wuchert es. Ich finde es wunderbar und werde auch alles weiter wachsen lassen.
    Oma Ursel passt das natürlich garnicht. Ich frage mich nur, was sie eigentlich stört. Sie schaut doch sowieso nur zum Straßenfenster hinaus.
    Manchmal wünschte ich mir, dass sie einfach nur den Mund halten würde.
     
     
    Dornröschen
     
    Das Schloss, es liegt in einem Wald,
    erreiche ich nur schwer.
     
    Was für ein schaurig, dunkler Platz!
    Er mahnt, dass ich umkehr.
     
    Doch so leicht gebe ich nicht auf,
    ich will hinein ins Schloss.
     
    Mein Knappe, eifrig, hilft mir schnell,
    von meinem hohen Ross.
     
    Nun laufe ich so flink es geht,
    auf alte Mauern zu.
    Und rufe: „Schloss ich rette dich,
    erlös’ dich aus der Ruh“.
     
    Doch bös’ jagt mir der Schreck ins Herz,
    als ich sie seh’, die Leichen,
     
    von denen, die versucht haben,
    die Krone zu erschleichen.
     
    Denn laut der Sage öffnet sich die Hecke
    ohne Schmerzen,
     
    dem Jüngling nur, der ehrlich ist,
    mit einem großen Herzen.
     
    So schreie ich zur Dornenwand:
    „Ich bin der Auserwählte!
     
    Mein Herz ist größer als das All
    und warm, ganz ohne Kälte“.
     
    Schon eil’ ich auf die Hecke zu!
    Sie packt mich, sticht! Ich sterbe!?
     
    Scheiße! Ddie Dornen haben es bemerkt!
    Auch ich wollt’ nur das Erbe.
     
     
     
    5
     
     
    Das Jahr ist noch jung und nur ganz langsam finden die Farben, die der Winter aus der Welt vertrieb, wieder ins Land zurück. Aber wenigstens kommen sie, während ich mir ein paar verwaschene Klamotten aus dem Kleiderschrank angele, wieder.
    Meine Kleidungsstücke erinnern mich an den letzten Besuch von Mutter. Ich ließ sie für gerade einmal fünf Minuten in meiner Wohnung alleine und als ich wiederkam, lief die Waschmaschine bereits. Nach einer Stunde zog ich meine Unterwäsche, Pullover, Hemden und Hosen aus der Trommel. Nun aber zwei Nummern kleiner als vorher und mit beträchtlichen Wertminderungserscheinungen.
    Ich muss vor ihrem nächsten Besuch unbedingt meine schmutzige Wäsche verstecken. So kann ich mich doch nirgends sehen lassen.
     
     
    Geladen ist das Leben
     
    Es quillt und reckt sich stetig,
    ergießt sich übers Tal.
    Umschließt die kargen Reste,
    des Winters, ruft zum Feste,
    zum großen Frühlingsball.
     
    Es bäumt sich voll Erwarten.
    Jetzt wird es sich erheben.
    Aus allen Erden treiben,
    zum Tanze sich einkleiden -
    geladen ist das Leben.
     
     
    Vier Kilogramm habe ich seit Weihnachten an Gewicht zugelegt. Mein Bauch ist rund und fühlt sich an, als hätte ich eine Bowlingkugel gefrühstückt. Mein Rücken schmerzt und die Knochen knacken bei der kleinsten Bewegung. Es wird Zeit für einen ersten Spaziergang, wobei das Wetter heute wohl doch nicht so ideal dafür ist. Vielleicht scheint morgen ja die Sonne? Ich könnte es auch mit einer Diät versuchen, vielleicht auch ab morgen.
    Ach, was soll’s. Komm hoch! Los auf! Na mach schon rufe ich mir aufmunternd zu, während ich die Haustür ganz vorsichtig öffne.
     
     
    Frühlingswunder
     
    Felder sind aufs Neu’ erwacht,
    in hoffnungsfroher Farbe.
    Säumen beiderseits den Weg,
    bedecken all’ das Karge.
     
    Wattewolken, Federdaunen,
    fliehen rasch vorbei.
    Hin und wieder geben sie,
    der Sonn’ die Blicke frei.
     
    Oh, du warme Frühlingssonne!
    Endlich hab’ ich dich gefunden.
    Scheine, scheine auf mich nieder.
    Heil’ des Winters tiefste Wunden.
     
    Bächleins Wasser murmelt heiter.
    S’ ruft: Verweil’ bei mir.
    Während knorrig, alte Weiden,
    wachen im Spalier.
     
     
    *
       
       
    Wie lang’ schon, war ich nicht mehr in den Weiden?
    Hier konnt’ man doch so herrlich Buden bauen.
    Das ganze Königreich noch überschauen.
    Und Wegezoll mit Rutenschwert erstreiten.
     
    Ach längst vergangen sind die Kinderzeiten.
    Als Cowboys neidisch in die Kronen gafften.
    Indianer hier die ersten Pfeifen pafften.
    Trotz Übelkeit, die ganze Welt befreiten.
     
    Die Zeit, wie schnell nur sollte sie vergehen.
    Die Rind’ der Weiden, gleich wie meine Haut,
    hat sie dabei nun auch nicht übersehen.
    Und trotzdem fühle ich mich hocherbaut.
    Denn durft’ ich heute in den Wipfeln stehen.
    Hab’ stolz mein Königreich wieder beschaut.
     
     
    *
     
     
    Ein Eichhörnchen eilt so geschwind
    und hat sich schon versteckt.
    Noch lange such’ ich’s neugierig.
    Hab’s doch nicht mehr entdeckt.
     
    Weidenkätzchen sind erwacht,
    vom ersten Sonnenstrahle.
    Bienen summend, laben sich,
    an ihrem süßen Mahle.
     
    Sternbehangen die Forsythie.
    Sterne auf den Wiesen glüh’n.
    Sterne in der Bäume Kronen
    und auf allen Wegen blüh’n.
     
    In Abwechslung übt sich das Wetter.
    Führt auf mit Geschick,
    wie’s Fähnlein wehen kann im Wind.
    Es hagelt gar Kritik.
     
    Der Wald, er lockt mit würzig’ Duft
    und lädt mich in sein Reich.
    Zart’ Blümlein steh’n im Unterholz,
    so Diamantengleich.
     
    Des Spechtes Klopfen über mir,
    im frohen Takte klingt.
    Und mit ihm pures Wohlgefühl
    in meinen Schritten schwingt.
     
    Von Ferne schon das Gasthaus ruft:
    Schöpf’ Kraft, komm tritt herein.
    Die Stimmung hebt sich himmelhoch,
    bei Speisen, klarem Wein.
     
    Familien sitzen beieinander,
    lustig, fröhlich, bunt.
    Kinder tollen um die Bänke,
    Augen leuchten rund.
     
     
    *
     
     
    Herrlich freies Kinderlachen,
    ist der schönste Klang auf Erden.
    Nichts könnt’ Eltern froher machen!
    Reines Lachen, reines Werden.
     
    Da wo sich doch zwei gefunden,
    einem Kind das Leben schenken,
    ist das Glück so fest verbunden.
    Freies Lachen, freies Denken.
     
    Wahrlich birgt die größte Freude,
    Freud’ aus einem Kindermund.
    Ist es glücklich, gestern, heute,
    bleibt’s Herz morgen auch gesund.
     
    *
     
     
    Und weiter muss ein Reisender,
    es zieht ihn immer fort.
    Vorbei an Ziegen, Stall und Hof,
    ja hin zum nächsten Ort.
     
    Der Pfad, er führt mich steil hinauf,
    an harz’gem Holz entlang.
    Aus allen Wipfeln jubiliert,
    so heller Vogelsang.
     
    Nur noch ein kurzer Augenblick,
    schon ist die Höh’ besiegt.
    Welch’ Ausblick sinnlich, märchenhaft,
    vor allen Augen liegt.
     
    Oh, nichts mehr von der Weltesklag’.
    Hinweg trug sie der Wind.
    Ach könnt’ es doch nur öfter sein,
    dass solches Glück man find’.
     
    Die Blicke schweifen weit im Rund’.
    So frei hebt sich’s Gemüt.
    Zuversicht belebt den Geist
    und mein Glaub’ erblüht.
     
    Leidenschaftlich möcht’ ich rufen!
    S’ Herz in Flammen steht.
    Glück, es ist für den zu finden,
    der zum Glücke geht.
     
    Hinab, herunter schreit’ ich froh.
    Frisch zapft’ ich neuen Mut.
    Schaue einmal noch hinauf,
    im Wissen, es wird gut.
     
    Die Wüstung schläft sanft unter’m Moos.
    Wer weiß denn schon von ihr?
    Ich hör’ es lachen, weinen auch.
    Welch’ Menschen lebten hier?
     
     
    *
     
     
    Wie viele Geschichten sind doch geschehen,
    hier in all den Jahren?
    Wie viele trug der Wind mit sich fort,
    lässt sie uns nie mehr erfahren?
    Und die wir noch kennen, aus uralter Zeit,
    sind diese denn nicht nur erfunden?
    Haben sie wahrlich, so wie geschehen,
    Jahrhunderte auch überwunden?
     
    Wie viele Geschichten ereigneten sich
    hier, wer kann es sagen?
    Die Steine der Häuser, die Straßen, die Plätze,
    ach, könnt’ man sie fragen.
    Sie hätten wohl sicher so viel zu erzählen,
    sie haben doch manches gesehen.
    Und wir würden ganz bestimmt einiges besser,
    besser als heut’ noch verstehen.
     
     
    *
     
    Drunt’ das Tal, es taucht ins Dunkel.
    Leise kehrt der Abend heim.
    Sonne senkt sich hinter Wolken.
    Kühl schon fällt der Wind herein.
     
    Erste Müdigkeit erwachet.
    Einmal noch ganz ohne Hast,
    bleib’ ich steh’n und lass’ mich nieder.
    Genuss birgt auch die späte Rast.
     
    Hör’ von Feldern Nachtgesänge
    und der Wälder fernes Rauschen.
    Weiter Wiesen zarte Klänge.
    Noch so lange könnt’ ich lauschen.
    Kleiner Teich, liegst schon im Schlafe.
    Wünsche eine gute Nacht.
    Seh’ bereits die ersten Dächer,
    die der Mond so brav bewacht.
     
    Find’ durch Straßen, dunkle Gassen.
    Steh’ endlich vor’m Heimathaus.
    Frühlingswunder durft’ ich sehen.
    Ziehe bald wieder hinaus!
     
    Und ich öffne letzte Türen.
    Schau’ ins lieblichste Gesicht.
    Treue schwöre ich auf ewig.
    Lösche leise noch das Licht.
     
     
    *
     
     
    Treu wie die Sonne,
    an jedem Morgen.
    Treu wie der Mond,
    von Sternen umringt.
    Treu wie der Wind,
    auf offenem Meere.
    Treu wie der Frühling
    von Wiesen erklingt.
    Treu wie der Nachtigall
    liebliche Lieder.
    Treu wie das Rauschen,
    im weiten Hain.
    Treu wie die Blumen,
    bunt immer wieder.
    Treu werd’ auch ich dir,
    ein Leben lang sein.
     
     
    6
     
     
    Im Hinterhof stehen seit neunzehn Uhr drei fremde Autos. Auch auf meinem Parkplatz. Zwar habe ich zurzeit kein Fahrzeug, aber es ist mein Parkplatz. Ich bezahle für ihn. Sie hätten doch wenigstens fragen können.
    Aus der WG im zweiten Stock schallt die Musik über das Treppenhaus bis in meine Wohnung. Alle paar Minuten schlagen Türen im Haus laut zu, man hört Gelächter, Flaschengeklimper, es herrscht Partystimmung. Nur bei mir nicht! Einer der Studenten rennt alle halbe Stunde zu den Autos und schleppt Bier- und Weinflaschen nach oben. Mürrisch verfolge ich das Treiben von meinem Badfenster aus.
    Dich haben sie auch eingeladen, denn vor zwölf Minuten bist du nach unten gegangen und wurdest mit einem lauten „Hallo“ begrüßt. Hast du heute keine Nachtschicht. Wieso haben sie dich eingeladen und mich nicht? Jetzt fangen sie auch noch an zu singen. Das geht eindeutig zu weit.
    Ich werde bis zehn Uhr warten, dann rufe ich die Hausverwaltung an. Nein, besser! Ich benachrichtige gleich die Polizei. Eine Minute nach zehn rufe ich an! Wegen Ruhestörung. Ich zahle keine sechshundert Euro, damit ich mir dieses Gejaule anhören muss.
    Ob du auch mitsingst? Wieso haben sie mich nicht eingeladen? Ich habe auch eine gute Stimme. Ich werde auf jeden Fall anrufen.
    Tief enttäuscht lege ich mich auf meine Couch und warte, dass es zehn Uhr wird.
 
    Ein Herz ist frei
     
    Ein Herz ist frei und wartet,
    auf das man es sanft hält.
    Ein Herz unter Millionen,
    doch einzig auf der Welt.
     
    Ein Herz ist frei und wartet,
    auf Wärme in der Nacht.
    Es sehnt sich nach dem Funken,
    der es glühend entfacht.
     
    Ein Herz ist frei und wartet.
    Hofft, dass man es nicht bricht.
    Wenn auch Wunden heilen,
    die im Herzen nicht.
     
    Ein Herz ist frei und wartet
    und schlägt für dich, in mir.
    Und willst du meine Liebe,
    dann schenke ich es dir.
     
     
    7
     
     
    Ich fand es im Treppenhaus. Es lag genau zwischen deiner und meiner Wohnungstür auf dem Boden. Ich bin mir ganz sicher, dass es dir gehört. Du musst es gestern Abend verloren haben. Als ich es aufhob, brannte es in meiner Hand wie Feuer. Ein Zeichen! Wenn ich dich sehe, gebe ich es dir zurück. Vielleicht kommen wir ja so ins Gespräch.
     
     
    Kostbarkeit
     
    Eine kleine Kostbarkeit
    trage ich bei mir.
    So wertvoll, acht’ ich stets darauf,
    dass ich sie nicht verlier’.
     
    Märchenhaft, so wunderbar,
    aus Tausendundeiner Nacht.
    Scheint sie in falschen Händen
    und doch für mich gemacht.
     
    Sie bringt mir herrlich, süßes Glück,
    schenkt mir auch kühnen Mut.
    Kann ich sie seh’n, ja fühlen nur,
    dann weiß ich, es wird gut.
     
    Eine kleine Kostbarkeit
    trage ich bei mir.
    Immer schon und alle Zeit,
    denn sie ist von Dir.
     
     
    8
     
     
    Gegenüber der WG, liegt die Wohnung von Linda Borowski. Sie wohnt hier erst seit einer Woche. Ihren Namen kenne ich nur vom Schildchen an ihrer Klingel. Als sie mir heute Morgen begegnet, fragt sie mich gleich nach Henne. Wie alt er wäre, was er so von Beruf ist, ob er Kinder hat oder eine Frau und viele andere Sachen, auf die ich keine Antwort habe. Eigentlich, sagt Linda, findet sie ihn doch ganz nett.
     
     
    Eigentlich
     
    Eigentlich bist du charmant.
    Eigentlich etwas pikant.
    Eigentlich bin ich doch froh.
    Zweifel, weshalb, ja wieso?
     
    Eigentlich scheinst du adrett.
    Eigentlich bist du ganz nett.
    Eigentlich liebe ich dich.
    Bestimmt, an und für sich.
     
    Eigentlich, im Grunde genommen.
    Eigentlich, alles bekommen.
    Eigentlich, im Prinzip doch.
    Und was nicht ist, wird sicher noch!
     
    Eigentlich find’ ich dich toll.
    Eigentlich? Was es auch soll!
    Eigentlich ist’s gut bedacht.
    Zögern, wohl nicht angebracht.
               Eigentlich nich’.
     
     
    Schnell komme ich mit Linda ins Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie Frisöse ist und ursprünglich aus Dresden stammt, ihr Begrüßungsgeld - nach der Wende - in Westberlin abgeholt hat und dafür zwei Kokosnüsse, eine Annanas und ein kleines, tönendes Kinderspielzeug mit nach Hause brachte, während sie den Rest des Geldes bei einem Taschenspieler ließ. Daraufhin erzähle ich Linda in zwei Minuten, meine komplette Lebensgeschichte.
    Das ist schon eigenartig. Ich kenne sie nun wirklich überhaupt nicht und doch weihe ich sie in all meine Geheimnisse ein, die ich sonst doch so sehr hüte.
    Wenn es nur bei dir so einfach wäre. Hallo, wie geht’s? Wollen wir einmal Ausgehen? Ja, das Treppenhaus finde ich auch viel zu dunkel. Ich liebe dich!
    Linda unterbricht meine Gedanken und erzählt mir von ihren vielen, vielen gescheiterten Beziehungen. Die Liebe, sagt sie, hat ihr schon so manchen Streich gespielt.
     
     
    Die Liebe
     
    Die Liebe ist ein zauberhaftes Wesen.
    So oft hat sie ihr Lied für mich gespielt.
    Ließ mich mit ihrem Duft wieder genesen.
    Betörend hat sie auf mein Herz gezielt.
     
    Die Liebe ist ein zauberhaftes Wesen.
    Oft war mir so, als hört’ ich doch ihr Spiel.
    Und hatt’ ich zwar viel Lehrendes gelesen.
    Der lieblosen Magie ich doch verfiel.
     
    Liebe, könnte ich dich gleich erkennen.
    Bevor in mir erneut das Herz zerbricht.
    Wär’s nicht gerechter, würdest du mir nennen,
    wer dich mir bringt und wer eben nicht?
     
     
    Linda und ich stellen fest, dass wir den falschen Beruf ausüben. Man müsste Hellseher sein, Wahrsager oder Prophet. Das wär’s!
     
     
    Der Prophet
     
    Der Prophet hat mit Voraussicht Deutungen gewagt.
     
    Nun steht fest, er lag stets falsch.
               -
    Das hab’ ich gleich gesagt!
     
     
    9
     
     
    Stundenlang liege ich in meinem Bett und kann doch nicht einschlafen. Lindas Geschichten gehen mir durch den Kopf und leise muss ich lachen. Was wiegt eigentlich eine Kokosnuss? Ein Glück, dass es in der DDR wenigstens ab und zu Wassermelonen gab.
     
     
    Hals über Kopf
     
    Hals über Kopf sind wir damals gerannt
    Hals über Kopf in der Nacht
    Hals über Kopf uns die Pfoten verbrannt
    Und dabei so laut gelacht
     
    Hals über Kopf
    Hals über Kopf
     
    Hals über Kopf hatten wir uns verliebt
    Hals über Kopf schienst so schön
    Jeder wollt nur, nur ein einziges Mal
    In deinen Garten Eden sehn
     
    Hals über Kopf
    Hals über Kopf
     
    Vergangen die Tage, vergangen die Zeit
    Wir kennen dein wahres Gesicht
    Und bietet sich einmal die Möglichkeit
    Dann lassen wir dich auch im Stich
                 Denn treu sind wir nicht
     
    Hals über Kopf
    Hals über Kopf
     
     
    Ich muss endlich schlafen. Morgen geht es wieder früh aus den Federn. Ein Kinderlied kommt mir in den Sinn und ich stelle mir vor, wie es völlig betrunkene Studenten grölen. Du bist auch dabei und endlich klingt alles wunderbar leicht und voller Liebe.
     
     
    Gute Nacht
     
    Die Nacht sie ist nun nicht mehr weit,
    gleich wird es dunkel sein.
    Der Mond, er geht auf Reisen jetzt,
    er lässt dich nicht allein.
    Die Sterne funkeln wunderschön,
    am weiten Himmelszelt.
    Such für dich doch einen aus,
    der dir gut gefällt.
     
    Deine Äuglein fallen zu,
    so friedlich schläfst du ein.
    Hast so vieles schon erlebt
    und bist doch noch so klein.
    Bald geht die Sonne wieder auf,
    ein neuer Tag bricht an.
    Schlafe, schlafe kleiner Held,
    dein Weg ist noch so lang.
     
    Der Sandmann hat sein Werk vollbracht,
    dass Säckchen Sand ist leer.
    Aus dem Land der Phantasie,
    fliegen Träume zu dir her.
    Der Wind, er geht jetzt auch ins Bett,
    nun ist es wirklich spät.
    Gute Nacht, bis morgen früh,
    wenn der Hahn wieder kräht.
     
     
    10
     
     
    Heute war ein schrecklicher Tag. Auf der Arbeit ging es drunter und drüber, nichts klappte und der Chef war nur am nörgeln.
    Klar war es nicht besonders geschickt von mir, den Firmenwagen mit Benzin zu betanken, schließlich ist es ein Diesel. Aber das kann doch jedem einmal passieren. Muss er da gleich so ausrasten? Und das mir dieses Missgeschick bereits zum zweiten Mal wiederfahren ist, nenne ich einfach Pech. Und überhaupt, soll er doch seine blöden Autos selber betanken, schließlich bin ich dafür nicht qualifiziert.
    Als ich ihm das genau so sagte, lief sein Kopf knallrot an und ich dachte sein Schädel würde gleich explodieren. Na ja, was soll’s! Wenigstens haben wir dann alle gelacht. Chefchen natürlich nicht.
    Was für ein Glück, das ich unkündbar bin. Denn mich entlassen, dass würde er doch nicht wagen, der gute Onkel.
     
     
    Unser Chef
     
    Wir mochten unseren Chef
    und akzeptierten ihn
    Doch wurde über Nacht,
    die Dummheit ihm verliehen
     
    Er denkt er ist der Größte,
    Lob gilt nur ihm allein
    Dabei ist er ein Blödmann
    ein arrogantes Schwein
     
    Doch muss man ihm was lassen,
    in einem ist er schlau
    Er streicht die dicke Kohle ein
    die Halsabschneidersau
     
    Und ohne seine Leute
    da wär er höchstens noch
    Obwohl das ist er ja
    ein dämliches Arschloch
     
     
    Wenn die Welt nur ab und zu etwas gerechter wäre, wir könnten doch viel besser miteinander auskommen! Ich sage immer: “Gleicher Lohn, für gleiche Arbeit!“ Mein Onkel findet das aber nicht so komisch. Die Reparaturkosten vom Auto will er von meinem Lohn abziehen. Da bedanke ich mich doch jetzt schon. Was will er denn abziehen, von diesem Hungerlohn?
    Da ist wohl besser, dass ich den Kratzer am Lack verheimliche. Ist mir beim betanken passiert und wie gesagt, bin ich dafür leider nicht qualifiziert.
     
     
    Ungerecht
     
    Das Leben scheint oft ungerecht.
    Doch ist’s dadurch allein nicht schlecht.
    Am Beispiel möchte ich’s erklären.
    Und zwar aus Sicht des Monetären.
     
    Ein Mensch ohn’ Geld in Hass verfiel.
    Auf Reichtum, prächt’gen Lebensstil.
    Und nichts mehr sah vor blankem Neid.
    Kein Lieb’, kein Freud’, nur noch den Streit.
     
    Der Mensch mit Geld ward drauf bedacht.
    Gierig zu zählen jede Nacht.
    Es wurde mehr in all den Jahren.
    Doch weitres durft’ er nicht erfahren.
     
    Das Leben hier und da ist sauer.
    Doch nicht für immer, nie auf Dauer.
    Am Ende dem das Glück süß lacht.
    Der aus dem seinen etwas macht.
     
     
    Und am Ende frage ich mich, wofür ich mir das alles antue? Wieso lasse ich mir so vieles gefallen, gehe in die Knie und halte ab und zu meinen Mund, für den Familienfrieden?
    Überstunden, Undank, Erniedrigungen. Tag ein, Tag aus und das über Jahre, über mein Leben. Dabei könnte ich doch einfach nein sagen. Es ist doch ganz leicht. „Onkel, ich gehe jetzt nach Hause und ich werde niemals wieder kommen.“ 
     
     
    Offene Wünsche
     
    Die vielen offenen Wünsche.
    Sie fallen in Scharen herein.
    Sie nisten sich hinter die Augen.
    Dort kneifen sie, kratzen und schreien.
     
    Sie betteln, flehen und jammern.
    Krakeelen vor lauter Neid.
    Umgehen geschickt das Gewissen.
    Verweisen doch stets auf die Zeit.
     
    Sie schauen in andere Häuser.
    Vergleichen und kommen zurück,
    noch größer als vorher gewesen.
    Verlangen sie nach neuem Glück.
     
    Die vielen offenen Wünsche.
    Ach wenn sie bescheiden nur blieben.
    Denn ist es doch so schön zu sagen.
    Ja heute bin ich zufrieden.
     
     
    11
     
     
    Im Fernsehen laufen die Nachrichten. Immer wieder erzählen mir Politiker, warum sie stets im Recht sind und auch waren und komischerweise kommt mir mein Onkel in den Sinn.
     
     
    Nach dem Krieg
     
    Nach dem Krieg, da folgt der Frieden.
    So haben sie es erklärt.
    Ist das Übel erst beseitigt,
    ist’s die Vernunft, die wiederkehrt.
     
    Auf den Krieg folgte wohl Frieden,
    wenn nicht im Krieg der Hass gedieh.
    Gewonnenes Leid, verlorenes Leben.
    Durch Krieg, gewinnt man Frieden - nie.
     
     
    Ganz klar, an allem sind Politiker doch nicht schuld. Sicher macht jeder Mensch Fehler.
    Ich hätte aber auch besser acht geben können. Auf dem Tankdeckel stand in roten Buchstaben wohl auch„Diesel“. Nun ist es zu spät und nicht mehr zu ändern. Soll er doch seine blöden Autos selber betanken.
     
     
    Menschheit
     
    Ach Menschheit, sag
    du sehnst dich nach dem Frieden?
    Und hoffst,
    er könnt’ die ganze Welt umspannen?
    In jede Stadt, in jedes Land gelangen?
    Den Hass, die Armut, Hunger auch besiegen?
     
    Ach Menschheit,
    hast gelernt aus deinen Kriegen?
    Bist endlich mit dir vors
    Gericht gegangen?
    Um nun ein bessres Dasein anzufangen?
    Weißt sicher nun, wo deine Schwächen liegen?
     
    Hast dich nach vielen tausend Jahr’n gefunden?
    Sag, bist du nun auch wirklich schon bereit?
    Hast deine Vorurteile überwunden?
    Vereint gehst du nun in die neue Zeit?
    Ach Menschheit es vergehen keine Stunden.
    Ohne Terror, ohne Krieg und ohne Leid!
     
     
    Vielleicht entschuldige ich mich doch lieber. Aber nur um den Familienfrieden zu bewahren. Meine Mutter bekommt es doch sonst gleich wieder ans Herz und Vater setzt seinen abwertenden und strengen Blick auf. Das kann ich nicht wollen, nicht schon wieder.
     
     
    Verloren
     
    Hoffnungen schmolzen in Nächten.
    Ließen den Glauben allein.
    Zungenlos harr’n die Gerechten.
    Die Blinden und Tauben, die schrein’.
     
    Traurig verkaufen sich Freuden.
    Das Glück versickert im Grund.
    Plätze noch randvoll mit Leuten,
    verwaisen mit jeder Stund’.
     
     
    Ich könnte ihn gleich anrufen. Aber was soll ich sagen. „Es tut mir leid?“ Und morgen geht alles von vorne los? Nein, nicht mit mir. Das kann er vergessen. Mehrere Familienangehörige sollten einfach nicht in einer Firma arbeiten. Das kann nicht funktionieren. Niemals!
     
     
    Halt mich fest
     
    Halt mich fest in deinen Armen,
    wenn ich nachts nicht schlafen kann.
    Wieder kennt Hass kein Erbarmen.
    Tränental so endlos lang.
     
    Halt mich fest auf unsren Wegen.
    Immer noch ein weitres Stück.
    Zuversicht wird doch beleben.
    Und der Glaube kehrt zurück.
     
    Halt mich fest, ich will dich halten.
    Immer wieder, alle Zeit.
    In dieser unsrer Welt, der kalten.
    Wo der Friede ist so weit.
     
     
    Wenn du jetzt hier wärst, würden all meine Probleme so winzig klein werden. Ja sie würden einfach verschwinden. Ich könnte dir sagen wie toll ich dich finde. Könnte dir ein Glas Wein reichen, deinen Rücken massieren. Würde für dich da sein. Und du für mich.
     
     
    Hochgeehrt
     
    Dein Haar, deine Haut,
    dein Lachen, vertraut,
    deine Stimme, bezaubernd so warm.
    Augen aus Licht,
    im schönsten Gesicht,
    dein Mund, lieblichster Charme.
     
    Dein frohes Gemüt,
    dein Herz, wie es glüht,
    dein Geist, dein Verstand, unbeschwert.
    Dein Lieben, dein Leben,
    dein Handeln, dein Streben -
    So hoch fühle ich mich geehrt.
     
     
    12
     
     
    Das Fernsehprogramm bietet mir heute Abend ein Drama an. Ein Mann liebt eine Frau, aber die Frau sieht ihn einfach nicht.
    Wieso sieht sie ihn denn nicht? Mach doch die Augen auf. Ich wohne nur ein paar Meter entfernt von dir.
     
     
    Oh Liebe
     
    Oh Liebe was tust du mir an?
    Stichst doch so tief in mein Herz.
    Fügst mir hinzu endlos Schmerz.
    Das ich kaum noch atmen kann.
     
    Oh Liebe was tust du mir an?
    Zu viel verlangst du von mir.
    Das ewige Streben nach dir.
    Wie schnell zerbricht man daran.
     
    Oh Liebe was tust du mir an?
    Gefühle sie wirken und quälen.
    Zu schwach um selbst noch zu wählen.
    Verzaubert von deinem Gesang.
     
    Oh Liebe was tust du mir an?
    Wo bringst du am Ende mich hin.
    Der Dolch kam mir nie in den Sinn.
    Oh Liebe, oh Leid, oh Zwang.
     
     
    Gut! Das ist zu viel für mich. Mit einem beherzten Sprung, stoße ich mich aus dem Sessel, werfe mir ein von Mutter gebügeltes Hemd über und renne aus meiner Wohnung. Ich gehe heute Abend noch aus! Vielleicht in ein gutes Restaurant oder eine nette Bar.
    Am Kiosk treffe ich Henne. Als er mich bemerkt, setzte ich mich zu ihm und er erzählt mir einige seiner Geschichten. Ich kenne sie bereits alle, aber ich höre ihm gern zu, denn erzählen kann er wirklich richtig gut.
    Das hätte ich Linda sagen sollen!
     
     
    Der Angler
     
    Wie jeden Sonntag so sitzt er,
    auch heute wieder am Teich.
    Sein Blick verfolgt die Wellen.
    Sie plätschern gelassen und weich.
     
    Die Ruhe, er sucht sie so gerne.
    Beim angeln, da findet er sie.
    Doch Glück hat er dabei wohl nicht.
    Einen Fisch fing er nämlich noch nie.
     
    Dem Anglerverein hier im Orte,
    gehört er seit Jahren schon an.
    Hier fragen sich natürlich alle,
    wie einer so blöde sein kann.
     
    Gespött findet er auch bei Nachbarn,
    bei Freunden und im Gasthaus,
    kam der Kellner an seinen Tisch
    und sagte nur: „Fisch wäre aus“.
     
    Heut’ sitzt er an seinem Teiche.
    Es ist noch sehr früh, ziemlich frisch.
    Doch er schaut verliebt in die Runde
    und meint: „Ohne Haken, kein Fisch“.
     
     
    Bis Henne seine privatesten Geheimnisse ausplaudert, braucht es nicht viel Bier. Meine Güte, ich möchte es mir gar nicht vorstellen aber ich muss.
     
     
    Die Süße
     
    Bei Freud' und Wein saß ich und dacht':
    "Das Leben, es ist fein!
    Ja nicht's, was es noch süßer macht,
    so könnt's für immer sein."
     
    Da trat herein, mit garst'gem Schrein,
    ein Engel in der Not.
    Viel süßer noch als Freud' und Wein!
    "Hallo, mein Zuckerbrot!"
     
    Brav ging ich mit, was wollt ich Streit,
    beklagte mich auch nicht.
    Denn Spaß, den hatt' ich eine Zeit,
    nun folgte halt die Pflicht.
     
    Und bei der Linde dankte ich,
    dass ich mich nicht gewehrt.
    Und hörte: "Ach, wie lieb' ich dich,
    mein Honigkuchenpferd".
     
    Das Leben schenkt dir Karamell
    und dies auch zur Genüge.
    Du findest's dort in Sahnecreme
    und hier in einer Rübe.
     
     
    Die „Hohe Politik“ ist Hennes Lieblingsthema. Ich bin jedes Mal wieder erstaunt darüber, wie der schimpfen kann. Und an allem sind „die“ Schuld, ganz besonders aber an seinen Verhältnissen. Und Recht hat er auch noch, sagt er immer!
     
     
    Heiße Luft                   
     
    Ein Glas Bier noch schnell im stehen
    und dann Richtung trautes Heim
    Irgendwann muss jeder gehen
    Wirt schenk’ nichts mehr ein
     
    Zu wenig Geld im Portemonnaie,
    im Leben fehlt halt oft dass Glück
    Und hat man einen Schein zuviel,
    Holt ihn sich der Staat zurück
     
    Steuern hoch, neue dazu,
    Weil sich hier sonst nichts mehr dreht
    Und wenn sie am erhöhen sind,
    Dann gleich noch die Diät
     
    Lustig schön durchs Land gelacht,
    Ein Witzchen dort, ein Lächeln da
    Das Fähnlein immer fest im Blick
    Mein Gott, sind die Volksnah.
     
    Reden werden hier gespickt
    Mit ach so frischem Zukunftsduft
    Und was davon übrig bleibt
    Ist nichts als heiße Luft
     
    Versprechen sind so schnell gemacht
    Und wer sie glaubt, dem geht’s nicht gut
    Und darum sitzen wir beim Bier
    Ersäufen unsre Wut
     
    Wirt nun fülle noch mal nach,
    Komm gib doch mal einen aus
    Und las aus dem leeren Glas
    Die heiße Luft heraus
     

     

     
 
 
 
 
 
 
     
     
 
 
 
 
 
     
    Irgendwann, weit nach Mitternacht finden wir zu unserem Mietshaus.
    Ganz langsam schleichen wir uns an der Hauswand entlang, näher und näher an Oma Ursels Fenster heran. Dann lassen wir uns langsam auf den Boden nieder und robben auf den Ellenbogen hin zu unserem Ziel. Mit einem lauten „Buh“ schnellen wir vom Pflaster hoch, werfen dabei die Arme in die Luft und schon im nächsten Augenblick knallen wir so stark mit den Köpfen zusammen, dass es mir alle Nervenenden in meinem Schädel zersprengt. So schnell wie wir beide nach oben schossen, fallen wir zurück auf den Boden, wo wir minutenlang benommen liegen bleiben.
    Als ich zu mir komme, sehe ich deine funkelnden Augen über mir blitzen, der Geruch von Melissengeist dringt in meine Nase ein und ich höre dich, mit grauenhafter, sich überschlagender Stimme sagen: „Ich rufe gleich die Polizei!“
     
     
    13
     
     
    Im Erdgeschoss, gegenüber der Wohnung von Oma Ursel, leben Toni und Franzi. Die beiden sind ein süßes Pärchen. Sie leben schon seit Jahren hier, weiß Oma Ursel zu berichten und wenn ich sie zusammen sehe, spüre ich ihre tiefe Liebe zueinander, ja ich kann sie wirklich fühlen. Ich beneide sie.
     
     
    Gefunden
     
    Gefunden
    Verbunden
    In Jahren
    Der Zeit
     
    In Freude und Trauer
    Im Glück wie im Leid
     
    Belebend
    Vergebend
    Fröhlich
    Beschwingt
     
    Beneidenswert jener
    Dem Liebe gelingt
     
     
    Leider hat es Toni gesundheitlich schwer erwischt. Alle paar Tage muss er ins Krankenhaus. Irgendetwas mit seinem Herzen ist nicht in Ordnung, erzählt man sich hier in unserem Mietshaus.
     
     
    Freud’ und Leid
     
    Freud’ und Leid, wie nah liegt ihr beisammen.
    Mit Ironie erfüllt ihr stets die Pflicht.
    Zieht übers Land und spielt auf allen Bühnen.
    Momente lasst ihr leben, lasst sie sühnen.
    Beifall, ja Applaus, den braucht ihr nicht.
     
    Freud’ und Leid, ach seit ihr nicht Ganoven.
    Was treibt ihr nur mit jederlei Gefühl.
    Setzt auf Dramatik, ganz ohne Gewissen.
    Und lasst so oft grad’ das Gefühl vermissen.
    So wirkt doch euer Schauspiel traurig, kühl.
     
    Freud’ und Leid, so zieht nun eurer Wege.
    Ihr findet sicher bald wieder hierher.
    Führt auf, dass was ihr nur für uns geschrieben.
    Ich wünscht’, die Freud’ sie könnte überwiegen.
    Und weiß ich auch, dies fällt euch beiden schwer.
     
     
    *
     
     
    Unzertrennlich
     
    Die zwei Seiten eines Blattes,
    unzertrennlich sind sie doch.
    Sieht man eine Seite, weiß man,
    gibt’s da auch die andre noch.
     
    Die zwei Seiten eines Blattes,
    eng verbunden Tag und Nacht,
    bei Sonnenschein und Hagelsturm,
    bis der Herbstwind sich aufmacht.
     
    Wie die Seiten eines Blattes,
    fest verschmolzen für die Zeit,
    so soll unsre Liebe sein.
    Nicht bis zum Herbst – In Ewigkeit.
     
     
    14
     
     
    Henne und Linda sind heute gemeinsam ausgegangen. Sie passen eigentlich ganz gut zusammen. Henne trägt einen Anzug, Hemd und Krawatte. Linda hat sich in ein flottes Kleid geschmissen und reichlich Make-up aufgetragen. Was die Liebe aus den Menschen machen kann, finde ich wirklich erstaunlich.
    Während mir Henne einen schönen, einsamen Abend wünscht, strahlt Linda, wie ein Honigkuchenpferd, übers ganze Gesicht. Ich glaube, sie liebt ihn wirklich. So wie er ist. Was will man da noch sagen?
     
     
    Wie ein Blitz
     
    Schlugst wie ein Blitz in mein Leben.
    In einem Moment war’s passiert.
    Hast keine Warnung gegeben.
    Warst sicher auch irritiert.
     
    Fielst über mich wie ein Regen.
    So herrlich klar und so frisch.
    Ich musste in dir ertrinken.
    Doch retten wollt’ ich mich nicht.
     
    Schenkst mir das süßeste Lächeln.
    Reichst mir den bittersten Wein.
    Teilst mit mir Schmerz und die Freude.
    Lass es für immer so sein.
     
    Schlugst wie ein Blitz in mein Leben.
    In einem Moment war’s passiert.
    Hast keine Warnung gegeben.
    Selbst wenn, hätt’ ich sie ignoriert.
     

     

     
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
    15
     
     
    Heute Morgen fing mich Oma Ursel am Fenster ab. Wie es mir ginge, fragte sie. Bevor ich antworten konnte, begann sie von ihrem Erwin zu erzählen.
     
     
    Kurzes Glück
     
    Kurzes Glück, versuchte dich zu halten.
    Mit dem Wind, flogst du fort von mir.
    Schmetterling, musstest dich entfalten.
    Kannst nicht wissen, dass ich hier erfrier’.
     
    Kurzes Glück, find’ dich in meinen Träumen.
    Und die Sehnsucht bringt dich mir zurück.
    Bin ich wach, kann ich es nicht versäumen.
    Leis’ zu weinen, über mein Unglück.
     
     
    Das Wetter ist zurzeit furchtbar. Das Klima verändert sich. Oma Ursel muss es wissen, denn ihre Knochen lügen nie. Und seit einiger Zeit brennen ihre Knie, als würde sie in einen Ameisenhaufen stehen, sagt sie. Da kommt etwas auf uns zu. Das spürt sie schon lange.
     
     
    Sintflut
     
    Es regnet schon seit Tagen
    Höchste Bäume sinken
    Niemand stellt noch Fragen
    Die Welt ist am ertrinken
     
    Dämme jäh erbeben
    Noch Fische fühl’n sich wohl
    Laut schreien die Propheten
    Es fehlt an Alkohol
     
    Aus Gullys drücket leise
    Der Menschheit Hinterlass
    Grippe zieht längst Kreise
    Faul und klamm und nass
     
    Wassermassen strömen
    Ungeheure Wucht
    Heulen, toben, tönen
    Unmöglich jede Flucht
     
    Die letzten Schiffe kentern
    Ein kreischend Untergeh’n
    Es heißt: Von fernen Ländern
    Wär’ längst nichts mehr zu seh’n
     
     
    Als ich mich gerade aus dem Staub machen möchte und mir vorstelle, wie ich dich aus den Fluten in mein Boot ziehe und du mich als Dank mit deinen Lippen verschlingst, fängt Oma Ursel an, von ihrem Leben zu erzählen.
    Na prima, nun sitze ich entgültig fest und höre ihr gelangweilt zu.
     
     
    Wohin ist mein Jahr
     
    Und der Frühling er schmolz mir die Seele
    weich wurde sie, wieder rund
    ergoss sich heiß in meiner Kehle        
    betörend, genüsslich, gesund
     
    Und der Sommer er hatte begonnen
    nie fühlte ich mich so befreit
    in Wäldern, auf Wiesen, benommen
    und fern lag die Winterzeit
     
    Und der Herbst er lud mich zum Tanze
    hatte all meine Sinne berauscht
    Und im abendlichen Glanze
    hab ich seinen Liedern gelauscht
     
    Und der Winter auch er fand mich wieder
    Und legte sich vor meine Tür
    Und die Sterne fielen hernieder
    Doch wofür nur, wofür nur, wofür
     
    Wohin ist mein Jahr, wohin
    So schnell ist’s doch vergangen
    Wohin ist mein Jahr, wohin
    Und was bleibt mir zurück
     
    Wohin ist mein Jahr, wohin
    Wie Tränen auf den Wangen
    Dahin ist mein Jahr, dahin
    Und mit ihm all’ mein Glück
     

     

     
     
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
     
    16
     
     
    Hier im Garten ist es schön. Es ist noch sehr früh und ich verweile im Liegestuhl, blicke in den blauen Himmel und sinniere über die Welt, das Leben und über dich.
     
     
    Unsere Welt
     
    Ein kleiner Ort, verschlafen nur,
    fernab der weiten Welt.
    Der Wind, heiß um die Kirche weht,
    die Wetterfahne träg’ sich dreht,
    die Turmuhr innehält.
     
    Ein Traktor dröhnt und zieht mit Lust,
    viel Staub hinter sich her.
    Es riecht nach Diesel und verbrannt.
    Es riecht wie immer, auf dem Land.
    Die Sonne schmilzt den Teer.
     
    Ein Hahn kräht stolz, die Hühner scharr’n,
    recht tief nach Wurmgetier.
    Die Wolken zieh’n, ein Schauer fällt,
    mitten hinein, in unsre Welt.
    Ich fühl’ mich wohl bei dir.
     
     
    Im Giebel des Hauses, direkt unter einigen losen Dachziegeln, brüten seit kurzem die Stare. Eifrig bringen sie allerlei Nistmaterial heran. Es ist Sommer, endlich.
     
     
    Der Star
     
    Der Star, er singt sein fröhlich’ Lied,
    - es handelt von der Liebe - 
    So leidenschaftlich,
    wenn ich’s nicht wüsst’.
    Könnt ich nun hörn, so klar versteh’n,
    kein andrer Schluss mehr bliebe.
    Das Lieb’, doch’s Herz
    am allerwärmsten küsst.
     
     
    *
     
     
    Sommertraum
     
    Die ersten Sonnenstrahlen
    berühren sanft das Land
    Der Morgentau von Licht erfüllt
    er glänzt wie Diamant
    Die Nebelschleier flüchten sich
    hinunter an den Fluss
    Die Luft sie riecht so herrlich frisch
    ein Morgen wie ein Kuss
     
    In Wiesen regt sich zartes Leben
    welch zirpen und gesumm’
    Grillen spielen ihre Weisen
    Insekten schwirr’n herum
    Frei tanzen die Schmetterlinge
    in der warmen Luft
    Ein Geschenk für meine Sinne
    so süßer Blütenduft
     
    Der Wind er wiegt so sanft die Bäume
    lässt ihnen keine Ruh’
    Das Rauschen umrahmt meine Träume
    höre so gern zu
    Die Vögel singen Liebeslieder
    weit über mir im Baum
    Ich lausche ihnen immer wieder
    was für ein Sommertraum
     
     
    Ich habe dich nur einen einzigen Augenblick lang angesehen und schon war ich verloren. Es war wirklich nur ein winziger Moment. Es ist unbeschreiblich und ich kann es einfach nicht verstehen! Jeder Gedanke bringt mich zu dir, jede Überlegung bezieht dich mit ein. Nichts in meinem Leben findet mehr ohne dich statt. Aber weißt du eigentlich wer neben dir wohnt?
     
     
    Sei Ehrengast
     
    Von allen guten Menschen,
    bist du der liebste mir.
    Du allein, mein Freund,
    sei Ehrengast.
     
    Das goldne Buch in meinem Herzen,
    öffne ich nur dir.
    Bewusst, dass nur ein Name
    hineinpasst.
     
    Von allen guten Menschen,
    bist du der liebste mir.
    Für dich, leg’ ich
    den roten Teppich aus.
     
    Dir schenke ich den Schlüssel,
    zu meiner Wohnungstür.
    Dich lad’ ich ein, für immer, in mein Haus.
     
     
    17
     
     
    Großes Glück hatte ich mit der Liebe bisher noch nicht. Irgendwie wollte es nie klappen. Ich glaube, die Richtige war einfach noch nicht dabei. Meist blieb es bei einer Freundschaft. Nicht mehr und nicht weniger. Obwohl, es war wohl oft nicht einmal das.
     
     
    Freundschaft soll sein
     
    Freundschaft soll sein wie ein Quell.
    Erfrischend, fröhlich und hell.
    Klar und rein bis zum Grund.
    Lebendig, herrlich, gesund.
    Freundschaft soll sein wie der Wind.
    Heiter vergnügt, verspielt wie ein Kind.
    Treu und verlässlich und gut.
    Auch ehrlich, gerade, mit Mut.
     
    Freundschaft soll sein wie die Zeit.
    Ewig beständig, in Freude, in Leid.
    Niemals zu fassen und doch sicher da.
    Scheinbar weit weg, dem Herzen ganz nah.
     
     
    Mein Problem ist, das mir die Zeit einfach davon rennt. Klar, ich bin noch jung, fühle mich gut, bin gesund und trotzdem, die Jugend liegt doch schon ein Weilchen hinter mir. Torschlusspanik habe ich aber noch nicht. Irgendwann werde auch ich mein Glück finden. Hoffentlich! Oder bin ich doch schon zu alt? Ist es vorbei?
     
     
    Meine Jugend
     
    Was waren die Tage oft quälend.
    Sie schenkte mir nicht einen Blick.
    Den Liebesbrief voll schönster Träume.
    Den bracht’ mir ihr Bruder zurück.
     
    Was waren die Tage so furchtbar.
    Ohne Liebe, kein Leben, kein Ziel.
    Doch Kummer den kann man ertränken.
    Vertragen hab ich oft nicht viel.
     
    Was waren die Tage so ätzend.
    Die Lehrer verstanden wohl nicht.
    Ich hatte ganz andere Probleme.
    Von wegen Zukunft und Pflicht.
     
    Was waren die Tage so schrecklich.
    Was war mit den Eltern geschehen?
    Die meckerten wirklich fast täglich.
    Wer sonst sollte mich noch verstehen.
     
    Heut’ denke ich an jene Tage.
    Schau’ auf meine Jugend zurück.
    Es wirkt wohl nicht cool, doch ich sage:
    Es war eine Zeit voller Glück.
     
     
    18
     
     
    Das Auto von Franzi und Toni parkt unten im Hof. Die Fahrertür steht immer noch weit offen. Kein Wort, keine Silbe bringe ich über meine Lippen. Nur Oma Ursel meint, dass es so doch für alle das Beste wäre. Ich könnte wahnsinnig werden. Was weiß denn Oma Ursel schon?
     
     
    Sichtweise
     
    Das Ende,
    es folgt jedem Anfang.
    Wie grausam!
    Wo bleibt dann der Sinn?
    Da fällt es doch leichter zu sagen:
    Dem Ende
    folgt stets ein Beginn.
    Ist’s zwar
    bei so vielen Dingen,
    nur eine Frage der Sicht.
    Wird jenem viel mehr gelingen,
    der sagt:
    Wo Schatten,
    da Licht.
     
     
    Seit Tagen muss ich ständig an Toni denken und bemerke immer wieder, dass ich ihn doch gar nicht kannte. Ich habe ihn Hunderte male im Treppenhaus getroffen und immer grüßte ich mit einem „Hallo“. Nicht mehr und nicht weniger. Hätte ich nicht wenigstens einmal fragen können wie es ihm geht? Nur einmal?
     
     
    19
     
     
    Heute waren meine Eltern zu Besuch. Wieso bin ich nicht weiter weggezogen. Eine gute Autostunde mindestens, dann wären sie nicht so oft hier. Arbeit hätte es für mich doch auch woanders gegeben.
    Als ich mit ihnen im Treppenhaus Richtung Wohnung ging, kamst du uns entgegen, worauf dich meine Mutter sofort ansprach. „Ach, sie müssen Tina sein. Mein Junge hat schon so viel über sie erzählt.“
    In diesem Augenblick schossen mir unsagbare Gefühlswallungen durch den Körper und ich wünschte mir, in einer der vielen Ritzen im Holzboden, die ich nun wie im Fieber zählte, zu verschwinden. Vorher hätte ich meiner Mutter aber gerne noch ein Hausverbot ausgesprochen. Beides ging leider nicht und so blieb mir nur noch die Ritzen zu zählen.
     
     
    Nur für dich
     
    Welche Worte könnten wohl beschreiben?
    Welche Worte ließen doch versteh’n?
    Immer warst du da! In allen Stunden.
    Überall hast du zu mir gefunden.
    Mich kein einz’ges Mal nur überseh’n.
     
    Wie sollt’ ich es anderen erklären?
    Ohne das ich maßlos untertreib’?
    Du hast mich behütet in den Tagen.
    In guten, auch in schweren Lebenslagen.
    Warst du da und allezeit bereit.
     
    Fühlte stets noch deine Herzenswärme.
    Erfuhr sie selbst auf weit entfernten Wegen.
    Verlässlich, immerzu in allen Jahren.
    Beschütztest mich vor jeglichen Gefahren.
    Und mehr noch, schenktest du mir dieses Leben!
     
     
    Beim Abendbrot hörte ich mir völlig interesselos und ein wenig genervt die neusten Geschichten aus der alten Heimat an. Zwei Arbeitskollegen hätten einen Unfall gehabt, irgendwer, der Bruder von irgendwem, hat sich das Leben genommen und die eine hat von dem anderen ein Kind. Ach und ganz wichtig, der Dings, na der, du weißt schon, ist fremdgegangen.
    Ich frage mich immer noch, warum sie diese Geschichten ausgerechnet mir erzählen müssen. Wieso belasten sie mich damit. Ich kenne diese Leute doch gar nicht und ich möchte sie auch nicht kennen lernen.
    Ab und zu nickte ich als Zeichen meiner körperlichen Anwesenheit mit dem Kopf und tat bei der Feststellung, das alles teurer und schlechter geworden ist völlig erstaunt. Als die Liste der Hochzeitskandidaten abgearbeitet wurde, gab ich resigniert auf und holte den Wallnussschnaps aus dem Kühlschrank.
     
     
    Klagelied
     
    Der Mensch, er neigt zum Klagen
    Oh welches Ungeschick
    Schon wird er’s and’ren sagen
    dann jammern diese mit
     
    Er heult in schrillsten Tönen
    Über sein traurig’ Los
    Die Dinge all’ die Schönen
    So klein sind diese bloß
     
    Wie angenehm es wäre
    Doch ihm ergeht es schlecht
    Wo bleibt denn nur die Faire
    Die Welt ist ungerecht
     
    Mit Tränen auf den Wangen
    Stöhnt jeder über’s Leid
    Könnt’ man nur Träume fangen
    Und fände auch mehr Zeit
     
    So sitz’ auch ich und Klage
    und schimpfe auf die Welt
    Ach wär’ ich in der Lage
    Und hätte doch mehr Geld
     
    Und hätte ich vor allem
    im Überflusse Glück
    Dann fänd ich wohl Gefallen
    am Leben, auch ein Stück
     
     
    Noch einige Stunden saßen wir beieinander und redeten über alles und nichts. Ich genoss die Momente dazwischen und fühlte mich seit langem wieder geborgen.
     
     
    Zeit
     
    Die Zeit, ich kann sie atmen hören.
    Ganz leise hier im Raum.
    Sie schwebt ein Stück nur hinter mir.
    Bewegt sich wirklich kaum.
     
    Sie wartet voller Ungeduld.
    Schaut sich ein wenig um.
    Sie führt ein kleines Selbstgespräch.
    Ansonsten bleibt sie stumm.
     
    Jetzt steht sie auf, kommt nah zu mir
    und flüstert in mein Ohr.
    Es tut mir leid, doch deine Uhr,
    die geht ein wenig vor.
     
    Die Zeit, vergessen hab ich sie.
    Sie floh aus meinem Sinn.
    Es war ein schöner Abend.
    Wo ist die Zeit nur hin?
     
     
    Als ich meine Eltern heute Morgen verabschiedete und wieder hinauf in meine Wohnung ging, kam mir Franzi entgegen.
    Noch während ich sie fragte, wie es ihr geht, spürte ich diesen tiefen, mächtigen Schmerz in meinem Herzen. Wie soll es ihr denn gehen? Toni ist gerade gestorben und ich habe nichts Besseres zu tun, als sie zu fragen wie es ihr geht.
    Schon erwartete ich, dass sie weinend zusammenbricht, mich vielleicht anschreit oder einfach fort rennt. Aber nichts davon geschah. Sie sah mich mit ihren verheulten Augen an und sagte: „Danke, es geht schon. Es fragt sonst niemand.“
    Als ich, wie von Engeln getragen, im Treppenhaus emporschwebte, fühlte ich mich so unbeschreiblich gut. Ja, so muss sich ein Prediger empfinden, ein Wunderheiler, nein, ein Prophet, dachte ich bei mir und nahm mir vor, bei der nächsten Gelegenheit auch dich zu fragen. Vielleicht.
     
     
    20
     
     
    Die Ruhe tut gut. Ich lasse mir die wärmenden Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen und denke an meine Eltern. Dabei beobachte ich die Stare. Sie haben Junge.
     
     
    Des Stares Glück
     
    Der Star, zum singen kommt er nicht
    So viel hat er zu tun
    Er steht allzeit in höchster Pflicht
    Verköstigt, hegt, gibt Unterricht
    Und findet doch kein Ruh’n
     
    Schon kehret er mit Köstlichkeiten
    In sein Heim zurück
    Empfangen jedes Mal von weitem,
    lauten Schreien, stetem Streiten
    Star, du fand’st dein Glück
     
     
    Unter mir, auf der Wiese leuchten tausende Blüten. Ich lasse meine Hand ganz langsam zu ihnen hinabgleiten und streiche über die zarten, noch feuchten Blättchen. Ein wunderbares, belebendes Gefühl durchströmt meinen Körper.
     
     
    Gänseblümchen
     
    Zart’ Gänseblümchen schlafen noch,
    die Köpfchen halb verdeckt - im Grase,
    nun das Sonnenlicht
    sie sanft und freundlich weckt.
     
    Ein frisches Bad im Morgentau,
    wer wird noch müde sein?
    Sie strecken ihre Hälschen lang,
    hinauf zum Sonnenschein.
     
    Die Butterblume dort am Zaun,
    sie wacht von Anbeginn
    und hat die Kleinen stets im Blick -
    als Kindergärtnerin.
     
    So geb’ ich Acht, dass ich ja nicht
    und wenn nur ausverseh’n,
    ein Gänseblümchen niedertret’.
    Sie würd’ es nicht versteh’n.
     
     
    21
     
     
    Jeder hat sie, kein Mensch braucht sie. Henne hat mir da eine Geschichte erzählt. Unglaublich - aber wahr.
     
     
    Mein Nachbar
     
    Der Tag begann herrlich, die Laune war gut,
    die Sonne schien wärmend und hell.
    Der Kaffee roch frisch, welch Kuchengenuss.
    Von drüben drang Hundegebell.
     
    Ach dieser Köter, er war niemals still.
    Der kläffte stets, auch ohne Grund.
    Am Tag ziemlich laut und noch lauter bei Nacht.
    Was für ein dämlicher Hund.
     
    Doch immerhin kam er nicht über den Zaun.
    Drei Meter am Stück lange Latten.
    Die hatte mein Nachbar des Nachts aufgestellt.
    Seit dem lag mein Garten im Schatten.
     
    Und während bei mir der Rasen einging.
    Da mähte mein Nachbar fast täglich.
    Er liebte ihn wohl, den Benzinrasenmäher.
    Doch dieser Krach war fast erträglich.
     
     
    *
     
     
    Des Nachbars Frau, Mensch welche Begabung.
    Für den Kirchenchor schien sie geboren.
    Sie probte so gerne, bei offenem Fenster.
    Welch’ Schmerzen für alle Ohren.
     
    Die Kinder der Nachbarn, die spielten gern Flöte.
    Sie hatten doch täglich geübt.
    Was für ein schönes, klassisches Beispiel:
    Der Wille allein nicht genügt!
     
    So jaulte es kläglich von drüben hierher.
    Der Gipfel jedoch sollt’s nicht sein.
    Denn fortan mittwochs, abends ab sieben.
    Lud sie nun den Kirchenchor ein.
     
    Manchmal da gibt’s keine Steigerung mehr?
    Ja irgendwann folgt doch ein Schluss?
    Vier Kirchenchöre, ein laut’ Halleluja!
    Ihr Geburtstag, der Kunstgenuss!
     
     
    *
     
     
    Wenn hier all die Vögelein
    In Wäldern und auf Wiesen,
    auch sängen so wie jener Chor,
    man würd’ sie all’ abschießen.
     
    Die DRK müsste im Land
    Gehörschutz noch ausgeben.
    Und mancher arme Vogelnarr,
    der zahlte mit dem Leben.
    Doch schön singen die Vögelein.
    Darfst sie dabei nicht stören.
    Wer singen kann, der soll dies tun.
    Die andern können hören.
     
     
    *
     
     
    Wie oft schlugen allerlei harte Geschosse,
    gezielt hier das Fensterglas ein.
    Entschuldigung? Nein! Was ich nur hörte:
    Die Kinder sie sind doch noch klein.
     
    Beim Äpfelstehlen hatt’ ich ihn erwischt.
    Auch fehlte manch’ Rosenstock.
    Und als mein Efeu an seinem Haus rankte.
    War’s für mich ein recht großer Schock.
     
    Das sein Kompost so fürchterlich stank.
    Sah er doch nie als Problem.
    Er wollte hier nur seine Notdurft verrichten.
    Er liebte es eben bequem.
     
    Es schien ihm normal, wenn er seinen Müll
    in unsere Tonnen rein schmiss.
    Und er fand es natürlich, dass seine Katze,
    bei uns oft ins Blumenbeet schiss.
     
    Und blies der Wind aus seiner Richtung,
    verbrannte mein Nachbar Abfälle.
    Das nasse Laub und die Gummireifen.
    Der Notarzt, er kam auf der Stelle.
     
    Als ich meinen Nachbarn heute besuchte,
    da lief wohl einiges krumm.
    Kontrolle? Ich hab’ sie ein wenig verloren
    und weiß doch selbst nicht warum.
     
    Nun find’ ich mich wieder, hier auf dem Revier,
    genieße die friedliche Zeit.
    Die anderen Zellen die sind alle leer.
    Kein Nachbar und somit kein Streit.
     
     
    22
     
     
    Ich bin arbeitslos. Wer hätte das gedacht? Also ich nicht! Aus diesem Grund tyrannisiert mich meine Mutter seit Tagen am Telefon. Ob ich mich nicht noch einmal mit meinem Onkel aussprechen möchte, es könne doch nicht so schwer sein. Sicher würde er mich wieder einstellen. Ich bräuchte mich doch nur zu entschuldigen.
    Um endlich Ruhe und Abstand zu finden, werde ich einige Tage an die See fahren. Es ist ja sowieso Urlaubszeit.
    Nun bin ich frei wie der Wind und entschuldigen werde ich mich auch nicht. Nur wegen des dummen Kratzers am Lack? Nein danke! Ich brauche den Job doch gar nicht.
     
     
    Am Meer
     
    In den noch so müden Stunden
    Eile ich mit frohem Schritte
    Und erwartungsvollem Blicke
    Fühl’ mich dir doch so verbunden
     
    Grüße, freudig, oh vertrautes
    Schneller, schneller muss ich gehen
    Glück find’ ich im Wiedersehen
    Sehnsucht hegt, so gern Beschautes
     
    Und dein Atem ist zu hören
    Sanft liegt er in frischen Lüften
    Und er fliegt mit deinen Düften
    Meine Sinne zu betören
     
    Gold’ne Sonne weckt die Winde
    Und sie fegen noch im Herzen
    Und ich spür’ die fernen Schmerzen
    Die ich such’ und bei dir finde
     
     
    *
     
     
    Wellen
     
    Die Wellen sie versinken hier am Strande.
    Für immer, stetig werden sie geboren.
    Und sind auf’s Neue wiederum verloren.
    Zerfliesen leise noch im feinen Sande.
     
    Wohin die Nächte, wohin all die Tage?
    Erinnerungen bleiben nur zurück.
    An manches Leid, an allerschönstes Glück;
    Verblassen auch mit jedem Wellenschlage.
     
     
     23
     
     
    Ein Polizeiauto steht im Hof. Da bin ich eine Woche nicht da und dann muss natürlich gleich etwas passieren.
    Während ich mein Auto entlade, gibt mir Oma Ursel sofort eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse. Henne kam sturzbetrunken nach Hause und randalierte im Treppenhaus. Linda versteckte sich bei Oma Ursel und als Henne in Lindas Wohnung wollte, aber niemand die Tür öffnete, trat er sie ein. Daraufhin rief Oma Ursel um Hilfe und zwar so laut, dass es die Studenten hörten und die Polizei alarmierten. Henne lag da schon längst in Lindas Bett und schlief friedlich und fest.
     
     
    Verändert
     
    Ich liebe dich,
    dass weißt du ja,
    obwohl ich dich oft schlage.
    Ich bitte dich,
    eins ist doch klar,
    auch ich hab’ schlechte Tage.
    Verzeih mir nur
    und glaub an mich
    und wenn ich dich auch trete.
    Bin nur ein Mensch!
    Was soll ich tun?
    Du weißt doch, dass ich bete.
    Nachdem ich dich
    verprügelt hab’,
    bereue ich zutiefst.
    Der Alkohol,
    du kennst das ja.
    Ich weiß, dass du vergibst.
    Seit vielen Jahren
    lieb’ ich dich.
    Das du mich liebst
    weiß ich genau.
    Doch frag ich mich,
    was mit dir ist?
    Hast dich verändert,
    meine Frau.
     
     
    Die kaputte Wohnungstür will Henne nach dem Zahltag begleichen. Ich wusste gar nicht, dass er wieder Arbeit hat. Sonst erfahre ich diese Neuigkeiten sofort, aber Oma Ursel ist leider krank.
     
     
    Der Tag
     
    Er ist der Schönste, der Größte und Beste.
    Ist brillanter noch, als alle Feste.
    Er wirkt stolz, so rein und so gut.
    Entfacht ihn wieder, den frischen Mut.
     
    So herrlich klar und voller Glück.
    Bringt er uns die Kraft schnell zurück.
    Er birgt das, was jeder mag.
    Ja nicht mehr lange, dann ist Zahltag!
     
     
    24
     
     
    Gemeinsam mit Linda sitze ich im Garten. Sie versucht Henne zu vergessen und erzählt mir, während sie an ihrem Glas Wein nippt, pausenlos von ihm.
    Neulich hat sie einen neuen Typen kennen gelernt. Es hat aber nicht funktioniert. Nach fünf Tagen war schon wieder Schluss. Linda weiß genau warum.
     
     
    Zu viel
     
    Du bist sportlich, echt auf Draht
    fährst Fahrrad, ist gern Blattspinat
    Bist liebenswert, wirklich ganz nett
    man hört, du wärst auch gut im Bett
    Bist rhythmisch, hast Gefühl und Takt
    exakt, tanzt nicht wie eingekackt
    Bist tolerant, gerecht, bescheiden
    du kannst meine Mutter leiden
    Freundlich bist du, fesch und witzig
    deine Cocktails sind echt spritzig
    Du bist klug; hast stets ein Ziel
    mir, lieber Freund, bist du zuviel
     
     
    Nein, er war einfach nicht der Richtige, sagt Linda. Das wusste sie vom ersten Augenblick an.
     
     
    Verliebt
     
    Wenn jeder einzelne Schlag deines Herzens
    knisternde Spannung versprüht,
    die freudig, erregend deinen Leib umgibt.
    Wenn ein winziger Blick ausreichen kann,
    auf das dein Puls erglüht.
    Ja, dann bist du hoffnungslos verliebt.
     
    Wenn schmerzlichste Sehnsucht nach kleinster Berührung,
    der Seele die Blüten zerpflückt.
    Träume, in heißesten Tränen vergeh’n in der Nacht.
    Ein einziges Wort aus dem süßesten Munde,
    die Sinne endlos beglückt.
    Dann ist die Liebe längst in dir erwacht.
     
     
    Auf dem Grill braten die Würste. Meine Eltern brachten sie mit. Natürlich auch den Senf und die Brötchen. Als ob es das hier nicht auch alles gäbe hatte ich gesagt und bin doch nun froh über das herrliche Abendbrot. Der köstliche Geruch steigt aber nicht nur uns in die Nasen.
     
     
    Die arme Seele
     
    Die arme Seele streift herum
    Im Garten, bunt gescheckt
    Sie schleicht ganz heimlich, grad’ hierher
    Ich hab’ sie schon entdeckt
     
    Ach arme Seele, unglücklich
    So komm’ doch schon herbei
    Ich weiß, es fällt dir wirklich schwer
    Der Pfötchen sind’s nur drei
     
    Ein Stückchen Wurst, na bitte sehr
    Das ist’s was glücklich macht
    Wir braten morgen Abend auch
    Bis dahin, gib mehr Acht
     
     
    Noch lange sitzen wir beieinander und erzählen uns Geschichten. Es wird allmählich dunkel, die ersten Sterne blitzen auf.
     
     
    In die Nacht
     
    Worte wie Lieder
    Blätter erzählen
    Mondstaub schwebt nieder
    Leis’ atmen die Seelen
     
    Zeitlose Träume
    Samtweicher Hauch
    Es lauschen die Bäume
    Herzen, die auch
     
    Schattenverhangen
    Netze aus Licht
    Momente gefangen
    Ein Abendgedicht
     
     
    25
     
     
    Seit fünfzig Minuten laufe ich nervös und aufgedreht durch meine Wohnung. Mir ist so langweilig! Höchste Zeit, endlich etwas zu unternehmen.
    Ich schlage die Zeitung auf und suche im Veranstaltungskalender nach etwas Unterhaltung. Viel ist ja nicht los und so muss ich mich nur zwischen zwei Angeboten entscheiden.
    In die Kaninchenausstellung werde ich aber mit Sicherheit nicht gehen.
     
     
    Das „Neue Museum“, es lädt zur Kultur
    Kultur der Moderne, ein Kunstgenuss pur,
    verspricht es
    und so zieh auch ich durch die Hallen
    und manch’ Exponat das kann durchaus gefallen.
    Und hab’ ich hier auch die Erkenntnis gewonnen:
    Kunst kommt wohl von „Können“
    doch mehr von „Drauf Kommen“.
     
     
    Manchmal ist es schon eigenartig. Da besuche ich einmal im Jahr ein Museum und wen sehe ich dort? Dich!
     
     
    Zwischen verfehlt und verpasst,
    versteckt sich der richt’ge Moment.
    Es verlangt meist einfach Glück
    damit man ihn dort auch erkennt.
     
     
    Ich hab’ das Glück gesehen
     
    Ich hab’ das Glück gesehen.
    Dort saß es, gleich vor mir.
     
    Es sagte: „Denk gut nach!
    Einen Wunsch erfüll’ ich dir.“
     
    Ich überlegte lange
    und kam dann zu dem Schluss,
     
    dass ich eigentlich,
    nichts weiter haben muss.
     
    Darauf meinte das Glück:
    Was, du brauchst mich nicht?
     
    Es zog davon und fluchte noch,
    mit neidischem Gesicht.
     
    Ich hab’ das Glück gesehen.
    Dort saß es, gleich vor mir.
     
    Einen Wunsch hat’s doch erfüllt.
    Denn du bist nun hier.
     
     
    Es war ein wundervoller Augenblick. Ich glaube, du hast mich bemerkt und zu mir geschaut. Vielleicht nur eine Sekunde, eine tausendstel Sekunde nur, aber du hast in meine Richtung geblickt. In meinen Augenwinkel habe ich deinen Blick gefühlt.
    Hätte ich ihn erwidern sollen? Was bin ich nur für ein Feigling. Trotzdem. Ich fühle mich so wunderbar, so wunderbar leicht. Ich könnte tanzen.
     
     
    Liebe ist ein herrlich’ Ding.
     
    Liebe ist ein herrlich’ Ding.
    Finde sie in deinen Augen.
    Glänzet aus dem goldnen Ring.
    Liebe ist ein herrlich’ Ding.
    Liebe, wie ein frischer Spring.
    Nichts soll sie mir wieder rauben.
    Liebe ist ein herrlich’ Ding.
    Finde sie in deinen Augen.
     
    Liebe jeden Tag aufs neu’.
    Was könnt’ schöner sein auf Erden.
    Herrlich süß und herzenstreu.
    Liebe jeden Tag aufs neu’.
    Lieb’ an der ich mich erfreu.
    Wird doch immer größer werden.
    Liebe jeden Tag aufs neu’.
    Was könnt’ schöner sein auf Erden.
     
    Liebe oh mein süßes Glück.
    Wünsch’ dich mir für alle Zeiten.
    Lass mich niemals mehr zurück.
    Liebe oh mein süßes Glück.
    Dir, ich ewig Blumen pflück’.
    Werd’ doch kämpfen, für dich streiten.
    Liebe oh mein süßes Glück.
    Wünsch’ dich mir für alle Zeiten.
     
    Liebe bleib’ für immer mein.
    Tanze mit mir durch das Leben.
    Mein Herz soll das deine sein.
    Liebe bleib’ für immer mein.
    Versprochen bin ich dir allein.
    Du mein heller Sonnenschein.
    Liebe bleib’ für immer mein.
    Tanze mit mir durch das Leben.
     
     
    26
     
     
    Das Konzert war einmalig. Die Band gab alles und Linda, Henne und ich fahren gemeinsam nach Hause. Linda schiebt eine CD ins Autoradio, wir kurbeln die Fensterscheiben herunter und laut singend rauschen wir durch die Nacht.
     
     
    Der Fan
     
    Der Fan, er ist ein Mensch, das stimmt
    Doch wie er sich zuweilen benimmt
    Lässt ihn als Menschen nicht erscheinen
    Als Außenstehender möcht’ man meinen
    Er muss wohl ferngesteuert sein
    Am Leben ja, am Denken nein
     
    Für sein Idol, für seinen Star
    Gibt ein Fan auf, was er war
    Er wird jetzt wie sein Vorbild leben
    Sich so kleiden, sich so geben
    Kurz er kniet sich vor’s Idol
    Auch noch im Schlamm und fühlt sich wohl
     
    Idol - für einen Fan das Licht
    Das göttlich ihm ins Herze sticht
    Idol - das ist das Absolute
    Beste, Schönste, einzig Gute
    Bedeutet Wahrheit und auch Recht
    Und alles andere ist schlecht
     
    So baut ein Fan sich ganz gemach
    Die eigene Welt und nach und nach
    Verliert er die Realität
    Dann ist’s vorbei, dann ist’s zu spät
    Bis er aus seiner Trance erwacht
    Sich umschaut und ernüchtert lacht
     
     
    Linda lädt uns zu einem Glas Wein in ihre Wohnung ein und wir feiern bis in den frühen Morgen. Als Henne seine alten Platten auflegt und wir drei durch das Wohnzimmer tanzen, kommt richtige Stimmung auf. Immer wieder renne ich laut polternd in meine Wohnung und hole Nachschub an Getränken. Hennes Idee, im Garten noch ein kleines Feuer zu entfachen, stößt bei mir auf große Zustimmung. Linda möchte aber lieber in ihr Bett und so gehen Henne und ich zu zweit nach unten.
     
     
    Abschied
     
    Vom Abschied kündet dieser Vers,
    mit froher Leichtigkeit.
    Es war doch herrlich, wunderbar,
    die allerschönste Zeit.
    Drum Freunde, nun der letzte Gruß,
    so wollen wir dann geh’n!
    In Zuversicht, hebet das Glas,
    weil wir uns Wiederseh’n!
     
     
    27
     
     
    Aus dem Badfenster schaue ich hinaus in den Garten. Es ist kaum zu glauben, aber die ersten Blätter an den Bäumen verfärben sich bereits.
     
     
    Herbstlied
     
    Und der Herbst zieht seine Kreise
    Kleidet’s ganze Land neu ein
    Abschiedslieder klingen leise
    Künden von der langen Reise
    Unterm goldnen Sonnenschein
     
    Wie der Wein so reift das Leben
    Ernteträume werden wahr
    Auf den Feldern nehmen geben
    Frohe Feste, welch ein Segen
    In den Nächten sternenklar
     
    Erste Tränen fall’n hernieder
    Und empor hebt sie der Wind
    Würzig Düfte, immer wieder
    Leise klingen Abschiedslieder
    Schon die Tage kälter sind
     
     
    Während ich im Hinterhof das Laub zusammenkehre ärgere ich mich, dass ich scheinbar der einzige bin, der sich um die Hausordnung auch nur in irgendeiner Form Gedanken macht. Gut, Oma Ursel und Franzi sind entschuldigt, du natürlich auch aber Henne und Linda, die könnten doch schon einmal mit anfassen. Und nicht zu vergessen die Studenten. Wie das vor deren Wohnung aussieht. Saufen und Krach machen, dass können die, aber sonst. Ich weiß nicht, ob die auch nur einmal die Mülltonnen hinausgebracht haben. Hauptsache, sie schmeißen ihren ganzen Mist hinein. Und Trennen können sie auch nicht. Ab jetzt werde ich mich für die Mülltonnen nicht mehr verantwortlich fühlen. Das nennt man Erziehung.
     
     
    Wieder nur Kind sein
     
    Wieder nur Kind sein
    unbeschwert, suchend
    Bockig und frech
    Nicht nölend und fluchend
     
    Wieder nur Kind sein
    Gefühle auslebend
    Alles Gedachte
    laut heraus redend
     
    Wieder nur Kind sein
    nicht voreingenommen
    Welten erfahrend
    Freunde bekommen
     
    Wieder nur Kind sein
    Frei aller Schranken
    Ohne Berechnung
    Karrieregedanken
     
    Wieder nur Kind sein
    Sorgenlos, heiter
    Wieder nur Kind sein
    Das Leben geht weiter
     
     
    *
     
     
    Sehnsucht
     
    Sehnsucht, kehrt doch immer wieder
    Hat mich abermals verletzt
    Singt wehmütig, leise Lieder
    Fragt stets: Wann denn, wenn nicht jetzt?
     
    Sehnsucht, lässt mich nie alleine!
    Warum kehrst du stets zurück?
    Erinnerst mich, beim Glase Weine
    An mein längst verlornes Glück.
     
     
    28
     
     
    Es sind Wahlen. Endlich dürfen wir unsere Kreuzchen machen. Wer nicht geht, der hat schon verloren, sagt Henne sarkastisch, während er im Hinterhof wie besessen von einem Bein auf das andere hüpft und ein Lied singt.
     
     
    Volksvertreter
     
    Meinen Volksvertreter, wähle ich nicht mehr
    Das er mich zuletzt vertrat ist nämlich ziemlich lange her
    Und schaut er nun bedeppert und wirkt leicht verdutzt
    Sag ich, dass er mir mehr schadet als er nutzt
     
    Haben alle ihr Herz für Umweltschutz entdeckt
    Ja den Grünen ist nicht viel geblieben
    Doch dann fahr'n sie mit den dicken Wagen rum
    Und von Berlin nach Hause, tun sie fliegen
     
    Überwachung hier, Überwachung da
    Dort ein Mikrofon, hier ne Kamera
    Und im Telefon klickt’s so oft wie nie
    Mich umfängt beinah ein Hauch von Nostalgie
     
    Geht es um Politik, geht es denn um Kultur?
    Ja ums Soziale? Hey um was geht es nur?
    Gehts um Lohn, Tarif, um die Nebenkosten?
    Nää, es geht um deren Posten!
     
     
    Mit reichlich Wut und guter Laune im Bauch stürmen wir das Wahllokal und machen artig unsere Kreuze
    Als wir auf dem Rückweg am Kiosk vorbeikommen, trinken wir ein Bier und stoßen laut schimpfend auf unsere, wie immer falsche Wahl an.
     
     
    Auch anders
     
    Kann auch anders, wenn ich will
    Bin nicht immer brav und still
    Bleib’ nicht ewig nett, bescheiden
    Werde schlagen, werde streiten
     
    Ist doch erst der Punkt erreicht
    Fällt mir Wut so herrlich leicht
    Kämpfe stolz um jedes Recht
    Glaubt mir nur, dann geht’s euch schlecht
     
    Vorbei wird’s sein mit endlos’ Reden
    Taten folgen meinen Wegen
    Gerecht gibt’s schön was auf den Wanst
    Wie tief ihr euch auch noch verschanzt
     
    Dann stürme ich mit mut’gem Schritt
    Und viele Mut’ge stürmen mit
    Hinauf in euer teures Nest
    Es wird ein frohes, heit’res Fest
     
    Wenn ihr in alle Winde flieht
    Erklingt doch wieder unser Lied
    Und geht auf eine lange Reise
    Habt ihr schon Angst? Noch bin ich leise!
     
     
    29
     
     
    Ein Brief, adressiert an mich, kam heute mit der Post. Nachdem der Briefträger ihn, während er mit Oma Ursel redete, aus versehen in deinen Briefkasten warf, hast du ihn mir dann gebracht.
    Du klingeltest und ich öffnete dir, unrasiert, in Unterhemd und meiner jämmerlichsten, verwaschendsten Hose. Während ich noch mein ganzes Dasein meiner Mutter in die Schuhe schob, gabst du mir den Brief und lächeltest dabei. Ja, du hast gelächelt und ich, ich habe gesprochen. Aber was habe ich nur gesagt? Oh wie peinlich! Ich habe mich bis auf die Unterwäsche blamiert. Und das im wahrsten Sinn des Wortes.
     
     
    Frohe Kunde
     
    Voll Euphorie verbreitet sich ganz lieblich,
    süßer Duft
    Die Zeit, sie lächelt rein übers Gesicht
    Funkelnd knistert Energie, kreist schwingend in der Luft                              
    Die Hausfrau dort putzt voller Zuversicht  
     
    Aus Abfalleimern blüht schön bunt
    die süße Blumenpracht
    Farben schreien vor Begeisterung
    Klänge streicheln, fröhlich hell
    sind trommelnd heiß entfacht
    Verleihen jedem Augenblick den Schwung
     
    Ein warmer Regen prallen Glücks
    fällt prickelnd auf die Haut
    Klar, erfrischend, Sinne sind geweckt
    Frohe Kunde, welch ein Tag
    und alles wirkt vertraut
    Die Hausfrau hat noch einen Fleck entdeckt
     
     
    30
     
     
    Es ist ein schrecklich kalter Tag. Ich bin auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken und schlendere durch die Straßen. Seit dem ich wieder Arbeit habe, habe ich auch endlich wieder Geld. Ein Glück, dass mein Onkel mich noch einmal eingestellt hat.
     
     
    Dezemberstimmung
     
    Der Wind; er sucht das Laub der Bäume
    Säuselt gelangweilt vor sich her
    Die Sonne steht im Nebelschleier
    Ganz ohne Kraft; sie wärmt nicht mehr
     
    Die Menschen gehen an mir vorüber
    In warme Jacken eingehüllt
    Taschen die sie mit sich tragen
    Wohl mit Geschenken prall gefüllt
     
    Die Kälte zwickt an meinen Ohren
    Und dringt ganz langsam in mich ein
    Was mich jetzt noch auftauen würde
    Glühwein heiß und feurig fein
     
    Ein kleiner Spatz hüpft durch die Gegend
    Doch scheint an mir nicht interessiert
    Pickt da und dort ein kleines Körnchen
    Ob er genau wie ich wohl friert
     
    So manches Haus erwacht zum Leben
    Und Kerzenschein er schimmert warm
    Familien sitzen beieinander
    Wer keine hat, den nenn’ ich arm
       
    So werd’ auch ich nun heimwärts ziehen
    Erhebe mich von meinem Platz
    Eil’ dort hin, wo man auf mich wartet
    Auf Wiedersehen kleiner Spatz
     
     
    31
     
     
    Wie schnell ist eine Woche vergangen, wie schnell ein Monat, ein Jahr dahin.
    Mit großen Schritten stampfe ich durch den Schnee, während ich die Mülltonnen vor das Haus ziehe. Das macht ja sonst keiner!
    Als ich Oma Ursel am Fenster sehe und sie frage, ob irgendjemand ein goldenes Kettchen vermisst, fangen ihre Augen an zu glänzen. Wie es aus dem Tüchlein in der Tasche ihrer Kittelschürze bis vor meine Tür gelangt sein könnte, weiß sie aber auch nicht. Sie kann doch kaum laufen, geschweige Treppen steigen, betont sie immer wieder.
    Während mir das Bild einer greisen Frau, die sich, nur ihrer krankhaften Neugier wegen, nachts durch das Treppenhaus quält, in den Sinn kommt, fängt Oma Ursel an von früher zu erzählen.
    Früher, ja da wäre es gegangen, da war sie flink. Aber das ist lange her.
     
     
    Zeit
     
    Zeit, welch Teufel jagt dich wohl,
    das du so schnell musst zieh’n?
    Und niemals Rast noch Ruhe find’st.
    Nur eines kennst: Das flieh’n.
     
    Wer jagt dich über Berg und Tal?
    Was peitscht dich übers Land?
    Schaust dich nicht um, hast keine Wahl.
    Ein Weg nur ist bekannt.
     
    Doch manchmal ist’s als schaust du auf.
    Verzögerst deinen Schritt.
    Doch rast im nächsten Augenblick.
    Und alles reist du mit.
     
    Oh Zeit, du find’st die Freiheit nicht.
    Denn ist in dir vereint,
    der stete Lauf, ein ständig Fluss.
    Du bist dein größter Feind!
     
     
    *
     
     
    Jahreszeiten
     
    Ein Lied, ich hör’ es klingen,
    es zieht durch’s ganze Jahr.
    Erzählt von schönsten Dingen,
    erschallt so wunderbar.
     
    Vom Frühling summt es leise,
    von Hoffnung, süßem Glück.
    Vom Sommer tönt die Weise,
    von Wiesen hallt’s zurück.
     
    Es rauscht aus Weizenfeldern,
    im Herbst noch mit dem Wind.
    Es klirrt in Winterwäldern,
    bis es auf’s Neu’ beginnt.
     
    Ein Lied, ich hör’ es klingen.
    Es zieht durch’s ganze Jahr.
    Erzählt von schönsten Dingen.
    Erschallt so wunderbar.
     
     
    32
     
     
    Es ist Sonntagmorgen. Ich sitze auf meiner Couch, schlürfe an einer heißen Tasse Kaffee und warte schon auf dich. Ich höre wie dein Auto im Hinterhof hält, wie du die Haustür öffnest und wie sie sich wieder schließt. Mit hastigen Schritten läufst du, vorbei an den Türen von Oma Ursel, Franzi, den Studenten, Linda und Henne, die Stufen hinauf.
    Ein Schlüsselbund klimpert im Rhythmus meiner Herzschläge und ich öffne dir die Tür.
     
     
    Zu mir gefunden
     
    Die Liebe hat nun doch zu mir gefunden.
    Ich dacht’, sie lässt für immer mich allein’.
    Und trifft doch niemals in mein Herz hinein.
    Gab mich schon ab damit, in manchen Stunden.
     
    In Liebe bin ich nun endlich versunken.
    Werd mich aus ihren Armen nicht befrei’n.
    Zu keiner Zeit, fern ihrer Nähe sein.
    So stark fühl ich mich doch mit ihr verbunden.
     
    Nichts wichtig mehr, was vor ihr noch so
    dringlich.
    Bedeutungen hat sie schnell umgekehrt.
    Das Glück, für mich ist’s endlich auch
    erschwinglich.
    Die Liebe, sie gibt meinem Leben Wert.
     
    Erfüllt den Tag, macht rund ihn und so sinnlich.
    Oh Liebe mein, ich fühl’ mich hochgeehrt.
     
     
    Danke
     
    Von allen Tagen der Schönste,
    war jener an dem ich dich sah.
    Zum ersten Mal in meinem Leben,
    dir meiner Liebe ganz nah.
     
    So vieles kann sich doch ändern.
    Die Zeit behände sich dreht.
    Liebe, so schnell wie gekommen,
    manchmal so rasch auch vergeht.
     
    Von allen Tagen der Schönste,
    ist dieser, heute, hier.
    Schenkst mir ein weiteres Glück.
    Und dafür danke ich dir.
     
     
© Thomas Koppe, 2007, 2016
 

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